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Unterhaltungen mit Gott in den Morgenstunden auf jeden Tag des Jahres. 2
Entstehung
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Der 14te Julius.

Arbeit, oder zu viele Anstrengung der Gedanken; machet vor der Zeit alt; denn was man auf der einen Seite durch Eilen gewinnet, verlieret man auf der andern durch übertriebene Abnukung. Za langsam oder zu geschwinde leben, heißt der Natur Gewalt anthun. Im neunten Jahre schon huns dert Bücher, oder im vierzigsten noch fein einziges recht gelesen zu haben, beides bringet Misgeburten hervor. Die Zeit gleichet dem Stahl: ungenußt rostet es; zu sehr gerieben, wird es bald abgenußt.

Es giebt noch einen sicherern Weg mit der Zeit zu geizen, nemlich man fann mehr leben. Hiebei werden weder Seele noch keib zu sehr ans gestrenget, und das Leben wird gleichsam vervielfäl tiget. Die Kunst besteht darinn: lebe in andern zugleich mit. Die meisten Menschen leben blos füc sich); das heißt: ihre Empfindungen schränken sich auf einen Raum von drittehalb Ellen hoch und Einer Elie breit ein. Das aber heißt sich in sein Schneckenhaus einziehen, oder sich in sich selbst verkriechen. Um glücklicher zu seyn, Mensch! breite dich aus, sonst schrumpfet dein Leben zusams men. Hast du auch nicht das Glück oder die Ers laubniß, dein Blut in Kindern fliessen zu sehen, wodurch dein hiesiges Dafeyn verdoppelt würde: so weine mit den Traurigen und freu dich mit den Fröhlichen. Versetz dich in die Stelle eines jeden, mit dem du umgehest: so wird dir die Gesellschaft weit interessanter, als wenn du dich blos mit deis nem Jch so ängstlich beschäftigest.

Berschaff einem Einfältigen oder Lafterhaften, deutlichere oder beßre Gedanken, welche in alle Ewigs