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Betrachtung am Samstage.
wieder ein anderer ähnlicher Abgrund an, und ladet sie ein, sich in ihn zu versenken; und so wie ein Wasserfall ein und derselbe Wasserfall ist, und immerfort denselben Anblick gewähret, aber doch jeden Augenblick aus frisch herzuströmenden Gewässern besteht, so ist es immerfort derselbe Gott, den die Auserwählten genießen, aber ihr Genuß nimmt in jedem Augenblicke eine neue beseligende Gestalt an. Der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache Alles neu."( Offenb. Joh. 21, 5.)
Alle Anmuth und Herrlichkeit der Geschöpfe, und alle Freude die sie zu gewähren vermögent, sind nur ein Gleichniß, ein Wiederschein, ein Spiegelbild der Wesenheit des Schöpfers und der Güter, die in Ihm enthalten sind. Alle Freuden, die es hier geben kann, werden wir darum im Himmel auch genießen, aber rergeistigt, verfeinert und verklärt, und eben deshalb gesteigert zu einem Uebermaß, wie es kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch je in eines Menschen Herz gekommen ist. Wir werden an dem Hochzeitmahle des Lammes sigen, und die köstlichsten, geistigen Gerichte genießen, und von jenem Wein der Liebe trinken, von dem es in dem hohen Liede heißt( 5, 1.): Effet und trinket, Freunde; und berauscht euch, Allerliebste." Unsere Gesellschaft dabei wird der große König selbst sein, der seinem Sohne Hochzeit hält, und Jesus Christus in seiner allerheiligsten Menschheit, und die seligste Jungfrau, und alle Heiligen und himmlischen Geister. Der Wohlgeruch der ewigen Weisheit, den der Weise mit Zimmet und Balsamduft vergleicht, wird den ganzen Himmel erfüllen. Die Lobgesänge, welche die Chöre der Engel zur Ehre Gottes unaufhörlich erschallen lassen, das Harfenspiel der vier und zwanzig Weltesten, das neue Lied der Jungfrauen, die dem Lamm überall folgen, sind die überirdische Musik, die wir im Himmel vernehmen werden. Die Klarheit, die daselbst herrscht, wird in der Offenbarung mit dem Lichte eines kostbaren Edelsteins verglichen; und die selige Stadt bedarf weder der Sonne noch des Mondes, daß sie in ihr scheinen; denn die Klarheit Gottes erhellt sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.( Offenb. Joh. 21, 23.)
Alles werden wir also dort haben, was wir uns nur wünschen, und noch viel mehr, als wir uns zu wünschen im Stande find; mit allen Gütern werden wir erfüllt sein, und alle diese Güter besigen im tiefsten Frieden, ohne Furcht und Sorge, ohne Störung oder Unterbrechung, die ganze Ewigkeit hindurch. Und eben diese ewige Dauer ist es, was den Freuden des Himmels die Krone einer Vollkommenheit aufseßet, von der wir uns keinen Begriff machen können; denn hier auf Erden hat jede Freude ihren Höhepunkt, und wenn sie diesen erreicht hat, fängt sie an abzunehmen, und geht endlich in Ueberdruß oder in Vergessenheit über, und wir können uns keine Freude denken, ohne zugleich ihrer Vergänglichkeit zu gedenken. Im Himmel aber bei dem Herrn sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag wie tausend Jahre. Wenn die Seligen millionenmal Millionen Jahre ihre Seligkeit genossen haben werden, wird ihnen so sein, als hätten sie eben erst in diesem Augenblicke angefangen, die Süßigkeit des Herrn zu verkosten.
2. Gedenken wir daher oft jener unvergänglichen Krone, um nicht allein durch heilige Furcht und Liebe, sondern auch durch heilige Hoffnung unsere Natur zur Ruhe zu bringen, und ihre Sehnsucht nach Freude und Glückselig


