Betrachtung am Samstage.
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denn gerade so lange gelitten, als die Zahl dieser Blätter und Tropfen und Sandkörnlein ausmacht; allein sie haben deshalb nicht um eine Minute weniger zu leiden, sie haben damit an der Dauer ihrer Strafe nicht ein Pünktlein abgezahlet.
3. Durchbohre mein Fleisch mit deiner Furcht, denn vor deinen Gerichten hab ich mich gefürchtet." So ruft der königliche Prophet aus, und er bittet damit den Herrn um die Gabe der heiligen Furcht, weil er von der Ueberzeugung durchdrungen ist, wie nothwendig ihm und allen Menschen diese Gabe zu ihrem Heile sey. Wenn uns Gott nicht geoffenbart hätte, daß es eine Hölle und eine ewige Verdammniß gebe, so würden, wie ein heiliger Vater bemerkt, selbst von Innen, die jetzt selig werden, nur die Allerwenigsten nach den Geboten Gottes leben und ihr Heil wirken. Der Saß, daß es vollkommene Seelen gebe, welche sich für beständig in einem Zustande befinden, in welchem sie ohne Rücksicht auf Himmel und Hölle Gott nur um Setner selbst willen lieben, ist von der Kirche verworfen.
Alle ohne Ausnahme sollen also oftmals die Strafen der Hölle betrachten, um die heilige Furcht Gottes und den Abscheu vor der Sünde lebendig in sich zu erhalten. Allen ist es gesagt: steige oftmals während deines Lebens in die Hölle hinab, so wirst du nach deinem Tode nicht dahin hinabsteigen müssen. Alle ermahnet der H. Geist: Gedenke bei Allem, was du thust, der letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen." Rufen wir daher täglich mit dem H. Augustinus: Hier, o Herr, schneide, brenne, haue, nur in der Ewigkeit verschone; nur selig machen möge uns der barmherzige Herr, was auch der Preis unserer Seligkeit ſei!
Betrachtung am Samstage. Vom Himmel.
1. Ich bin dein übergroßer Lohn, sprach der Herr einst zu Abraham; und was Er diesem H. Erzvater verheißen hat und geworden, das verheißt und ist Er auch allen seinen Auserwählten. Gott selbst ist der Lohn der Seligen im Himmel, und mit Ihm empfangen und genießen sie Alles, was als ein Lohn, als ein Gut, als etwas Wünschenswerthes betrachtet werden kann. Gott ist die höchste Wahrheit, Schönheit und Güte. Ihn erkennen, wie Er ist, befriedigt allen unsern Drang nach dem Wahren; Ihn anschauen von Angesicht zu Angesicht stillet all unser Verlangen nach dem Schönen; Ihn. lieben mit einer reinen, von nichts Irdischem mehr getrübten Liebe erfüllet all unsere Sehnsucht nach dem Guten und Vollkommenen. Ihn besigen ist das Gut aller Güter; Ihn genießen der Genuß aller Genüsse; Ihm allein leben, das Leben alles Lebens. Er ist ein bodenloser Abgrund von Seligkeit, in dem es weder Schranke noch Ziel gibt, noch irgend ein Ab- oder Zunehmen. In Ihm ist zugleich die äußerste Ruhe und die äußerste Thätigkeit, die höchste Einheit und die höchste Mannichfaltigkeit, ein ewiges Sein und ein ewiges Werden. Ein Abgrund ruft den andern an in der Stimme deiner Wasserfälle", singt von Ihm der königliche Sänger. So wie die Seligen in einen Abgrund namenlosen Entzückens sich versenkt haben, so ruft sie schon
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