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Betrachtung am Freitage.
auch die Leiber der Verdammten eingeschlossen sind, denn das Feuer der Hölle brennt zwar, und verzehrt das Mark in den Gebeinen; aber es leuchtet nicht. Wiewohl aber die Verdammten alles Lichtes beraubt sind, erkennen sie dennoch Alles, was durch seinen Anblick dem Auge peinlich und entsetzlich ist: sich selbst und ihre schreckliche Umgebung, und die Marter ihrer Leidensgenossen und die fürchterlichen Larven der höllischen Geister. Verzweifelndes Jammergeschrei, Heulen und Zähnklappern, abwechselnd mit Flüchen und Lästerungen sind die einzigen Laute, die in ihr Ohr dringen. Ein wüthender Hunger und Durst martert den Sinn des Geschmackes, und die einzige Speise, mit der sie ge sättigt werden, ist Drachengift und Natterngalle. Der Sinn des Geruches wird gepeinigt durch den verpesteten Gestank der faulenden und doch niemals verfaulenden Leichname. Der Sinn des Gefühles endlich leidet nicht nur die Strafe des Feuers, sondern auch noch andere grausame Tormente, welche die bösen Geister, als die Schergen der göttlichen Gerechtigkeit an ihren Schlachtopfern unablässig vollziehen und doch niemals vollenden.
Wenn da, wo Gott ist, eine überschwängliche Fülle von Friede, Freude, Schönheit, Klarheit und Seligkeit herrschet, muß schon die Vernunft erkennen, daß der Gegensaß ebenso überschwenglich seyn müsse. Da wo Gott nicht ist, wo die ewige Trennung von Gott ist, muß also ein Greuel der Verwüstung herrschen, der Alles in sich begreift, was es Peinliches und Schmerzliches, Scheußliches und Mißgestaltetes, Entsegliches und Schauberhaftes geben kann. Ihm wäre besser, er wäre nie geboren worden", bezeuget die ewige Wahrheit von dem Berräther Judas.
2. Noch größer sind aber die innerlichen Leiden der Verworfenen. Alle ihre Seelenkräfte befinden sich in dem wildesten Aufruhr und in der gräulichsten Zerrüttung. Der Verstand martert sich ab, Mittel aufzufinden, um diesem grenzenlosen Elende zu entrinnen. Der Wille, im Bösen ganz verstockt, lehnt sich unaufhörlich gegen Gott und dessen strafende Gerechtigkeit auf, und verzehrt sich selbst in dem ohnmächtigen Grimme dieses vergeblichen Beginnens. Das Gedächtniß gleicht einem wüsten, bittern Meere, das von den Stürmen tobender Einbildungen hin und hergetrieben wird, und seine Schande ausschäumet. Einerseits stellen sich die Unglückseligen die kurzen sündhaften Freuden vor, die die Ursache ihrer Verdammniß wurden; andererseits aber betrachten sie, wie hoch ihnen dieselben zu stehen kommen; und dann zerfleischt ihr Inneres eine verzweifelnde Reue, daß sie ihr Heil in ihrer Macht hatten, und es wegen so elender, vergänglicher Lüste verscherzten. Sie erkennen jetzt, daß außer Gott Alles eitel und nichtig ist; sie wissen aber auch zugleich, daß sie dieses höchste Gut für immer und ewig verloren haben. Ein Bewußtsein, welches nach dem Zeugniß der hh. Väter alle übrigen Strafen übertrifft, und zugleich allen diesen Strafen das Siegel der Vollendung aufdrückt. Denn was die Hölle eigentlich zur Hölle macht, ist ihre Ewigkeit. Bei allen Leiden dieſes Erdenlebens bleibt wenigstens immer der Trost, daß der Tod ihnen ein Ziel sehen werde. In der Hölle aber gibt es keine Hoffnung. Für die Verdammten gibt es keinen Tod, für ihre Qualen kein Ziel. Wenn sie einmal so viele Jahre gelitten haben, als es Blätter an den Bäumen gibt, und Tropfen im Meere, und Sandkörnlein an den Ufern desselben, so haben sie


