Betrachtung am Samstage.
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keit zu stillen. Diese Sehnsucht hat uns Gott selbst ins Herz gelegt, und daher ist sie uns auch nicht umsonst oder bloß zu unserer Qual gegeben; fie soll befriedigt werden und zwar auf das allervollkommenste, aber nicht in diesem, sondern in dem andern Leben, und nur dann wenn wir den unvollkommenen Genüssen dieses vergänglichen Lebens entſsagen. Reizt uns alſo irgend eine irdische Freude, uns ihr zu ergeben: so erinnern wir uns nur sogleich, daß diese Freude uns nicht entgehe, wenn wir sie jetzt verleugnen, daß wir sie nur aufschieben, daß wir sie im Himmel wiederfinden, und sie nicht bloß im Schatten und im Spiegelbilde, sondern in der ganzen Fülle und Stärke ihrer eigentlichen Wesenheit genießen werden. Unsere Seelen find Bräute des Königs der Könige, des schönsten, des mächtigsten Bräutigams; Er wird sich einst ewig mit uns vereinigen, wenn wir Ihm hier im Stande der Prüfung die Treue bewahren, und dann uns in überschwänglichem Maße Alles ersetzen, was wir hier Ihm zu Liebe verschmäht haben.
Streben wir aber nicht allein darnach, daß wir gekrönet werden, sondern auch, daß unsere Krone groß sey, denn auch dieses steht in der Macht unſeres Strebens, und den Beruf und die Gnade haben wir gewiß dazu; denn wer berufen ist zu einer höhern Vollkommenheit auf Erden, ist auch beſtimmt zu- einer höhern Seligkeit im Himmel. Von diesem Streben darf uns auch weder eine falsche Demuth, noch der Gedanke abhalten, daß wir ja im Himmel in allen unsern Wünschen ganz befriedigt seyn und nach nichts mehr ein Verlangen tragen werden, auch nicht nach einer höhern Glückseligkeit; denn ein solcher Gedanke würde beweisen, daß unser Glaube eben so schwach sei wie unsere Liebe. Auch der mindeste Grad einer höhern Glorie ist ein Gut von unendlichem Werth, und ist die Seligkeit in sich aller unserer Sehnsucht und Anstrengung würdig, so ist es auch die Vermehrung derselben. Dann begreift ja ein höherer Grad der Glorie immer auch einen höhern Grad der Erkenntniß und Liebe Gottes in sich, und hierin ist es Niemanden erlaubt, gleichgültig zu sein. Mögen wir daher willig Alles umfassen, wa uns eine größere Herrlichkeit im Himmel verschafft: Leiden und Demüthigungen, Gebet und Buße, Kampf und Arbeit für die Ehre Gottes. Bald, bald wird die Zeit da sein, wo Er uns abberufen wird aus dem zeitlichen Leben im Glauben in das ewige Leben im Schauen, von der Liebe im Leiden zu der Liebe in Freuden. Siehe, ich komme bald," spricht Er in der geheimen Offenbarung( 22, 12.); und meine Belohnung mit Mir, um Jedem nach seinen Werken zu vergelten. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Selig sind die ihre Kleider waschen in dem Blute des Lammes, damit sie ein Recht haben zum Baume des Lebens und zum Eintritt in die heilige Stadt."
Druck von G. D. Bädeker in Essen.


