Fünfte Betrachtung.
wenn der Richter mit strenger Waage deine Gerechtigkeiten abwägt und zu leicht findet, weil die Beweggründe und Absichten, aus denen sie hervorgingen, nicht die rechten waren! II. Punkt. Strenge dieses Gerichtes. Wie ge nau wird ferner in diesem Gerichte Alles durchforscht werden! Da wird der Richter sich nicht begnügen, bloß im Allgemeinen dein Thun und Lassen in Betreff deiner Pflichten zu un tersuchen, sondern deine Sünden nach ihrer Zahl, Art und Schwere betrachten. ,, Gott durchforscht Herz und Nieren," heißt es in der geh. Offenb., und wird, wie der Apostel 1. Kor. 4, 5 schreibt ,,, das Verborgene der Finsterniß erleuchten und die Gedanken der Herzen offenbaren." Wie werden dir in diesem Augenblicke alle deine Fehltritte in ihrer ganzen Größe gegenwärtig sein! Wie wirst du vor dir selbst erschrecken, wenn du, wie in einem Gemälde, vor dir stehst, wer du seiest! wie vor der göttlichen Gerechtigkeit zittern! Wie wirst du dann Alles mit einem anderen Auge, als jeßt, betrachten! wie selig preisen den, welcher die Eitelkeit der Welt verachtet und sein Fleisch fasteiet hat! Was wirst du nicht Alles gethan zu haben wünschen, wo die Zeit des Wirtens vorüber ist!
446
III. Punkt. Dabei giit in diesem Gerichte keine Ent schuldigung. Du wirst selbst sehen, daß dir keine Ausrede möglich ist. Denn willst du deine Unwissenheit vorschüßen, so werden die Glaubenslehren, welche du geglaubt hast, wider dich zeugen. Willst du dich auf den Mangel an Kräften berufen, so werden dich vom Gegentheile die Gnaden, welche du erhalten hast, und die unzähligen Heiligen aus allen Ständen, welche unter viel größern Schwierigkeiten, weil sie ernstlich wollten, ihr Heil gewirkt haben, überführen. Dein heil. Schußengel, dessen Einflößungen du nicht gefolgt bist, und das Gewissen, dessen Stimme du überhört hast, werden Zeugniß wider dich geben, daß du deine Pflichten wohl erkannt habest und bei den dir zu Gebote stehenden Gnadenmitteln hättest heilig werden können. Selbst der Satan, dessen Einflüsterungen du ein so geneigtes Gehör schenkst, wird wider dich zeugen. Wie wird er dir vorhalten, was du geglaubt und bekannt, und was du gethan haft! Bei fol chem Anblicke deiner Verkehrtheiten wirst du wohl wünschen, anders gelebt zu haben, doch es ist die Zeit, wo keine Thrá


