Druckschrift 
Tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen, enthaltend Aufmunterungen, Gebete und Gesänge für Gesunde, Betrübte, Kranke und Sterbende wie auch Sprüche, Seufzer und Gebete den Sterbenden vorzusprechen nebst Fest-Andachten ... und einem täglichen Gebetbüchlein für Schwangere, Gebärende, Wöchnerinnen und Unfruchtbare / von Joh. Friedr. Stark ...
Entstehung
Einzelbild herunterladen

474

Nachwort.

Gebet eine ganz andere Übung sei, als ein Gebet aus dem Buche abzulesen: so hat sich doch bei vielen in der Christenheit der große Irrtum auf beklagenswerte Weise bis auf unsere Zeit fortgepflanzt, als ob das, leider oft gar gedankenlose Ablesen einer Gebetsformel in den Augen Gottes für erhörliches Gebet gelten könne! Manche würden sich an dem lieben Gott recht ärgern, wenn er ihnen das geben wollte, was gerade in dem Gebet begehrt wird, welches sie aus dem Buche abgelesen haben. Wie verblüfft würde sich z. B. der Jüngling oder die Jungfrau stellen, wenn ihnen ein Hindernis in den Weg träte, daß sie am Sonntagabend einen Vergnügungsort nicht besuchen könnten, obgleich sie am Morgen desselben Tages aus ihrem Gebetbuch gebetet, Gott wolle sie vor Gesellschaften bewahren, welche ihrem Seelenheil gefährlich sein könnten. Wenn der Raum es gestattete, könnte ich viele Beispiele aus dem Leben anführen, wie so gar viele Menschen jeden Standes und Alters, die doch die Ge­betbücher fleißig und regelmäßig gebrauchen und sonst gar gottes­dienstlich sind, so ihre Schoßz- und Lieblingssünden haben, die sie gerne beibehalten möchten und es ihnen gar leid thun würde, wenn Der der liebe Gott Ernst machen wollte, sie davon zu befreien. abgöttische Mißbrauch, welcher von vielen ihr ganzes Leben hindurch mit den Gebetbüchern getrieben wird, ist wohl das Gefährlichste, was dem Menschen begegnen kann. Bei dem bloßen Gebrauche des Ge­betbuches, ohne wahres Herzensgebet, hat man zwar das Wort der Wahrheit im Kopf und Mund, aber nicht die Wahrheit des Wortes im Herzen lebend. Was das Wort Gottes Bekehrung und Wieder­geburt nennt, weiß man mehr aus Büchern als aus Erfahrung, und glaubt den Schatz schon gefunden zu haben, wenn man sich nur alle die teuern Verheißungen zueignet, welche Gott seinen wahren Kin­dern in seinem Wort gegeben hat. Weil man sich fortwährend im Lesen, Beten und Singen übt und sich von groben Lastern enthält, so merkt man nicht einmal, daß das vermeintliche Wachstum und Fortgang im geistigen Leben ein Stillstehen, wo nicht gar ein Zu­rückgehen ist. Auf diesem Wege hält man sich bei der Schale auf und kommt nie zum Kern des wahren Christentums; man erlangt keine Kraft, durch den Geist die Lüfte des Fleisches zu töten; alle

-