Nachwort.
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Untugenden bleiben in ungebrochener Kraft bestehen, und ob man auch zuweilen dagegen kämpft, so überwindet man doch nicht und macht endlich Friede mit der Sünde, gegen welche man doch bis aufs Blut kämpfen sollte. Darum gelangt man zu keiner wahren Gemeinschaft mit Gott in Christo, zu feiner Seelenruhe und beständigem Frieden; man hat keine sichere Aussicht, mit Abraham, Isaak und Jakob im Reiche Gottes zu Tische zu sitzen, und wird sich einst in der wichtigsten Angelegenheit betrogen finden und dies sich selbst zuzuschreiben haben, weil man das gedankenlose Ablesen von Gebeten aus Büchern für wirkliches Gebet hielt, was es doch nie war, nie sein konnte und nie sein wird. Darum, geliebter Leser, prüfe dich beizeiten, ehe es zu spät ist, und bedenke, daß gute Ge= betbücher dir zwar Anleitung zum Gebet geben können, aber bei dem Gebrauch derselben darfst du nicht stehen bleiben. Wenn du des vollen Segens teilhaftig werden willst, mußt du dich befleißigen, dein Herz vor Gott auszuschütten, wie dort Hanna, 1 Sam. 2, 18.
Der Verfasser eines der besten Gebetbücher nennt sein Gebetbuch eine Krücke, welcher sich vernünftigerweise nur Lahme bedienen müßten. Für Christen, glaubt er, sollte es so unnötig sein, als ein Briefsteller für ein Kind, welches seinen geliebten Eltern schreiben will.. Ein anderer, der die Gebetbücher weder verwerfen noch verwehren will, weil der rechte Beter auch damit umzugehen wisse, vergleicht sie dennoch mit den Rechenbüchern, in denen man alles ohne Mühe gleich finden könne, ohne die Rechnung selbst zu machen oder zu verstehen. Alle rechten Beter sind darüber einig, daß es schädlicher Mißbrauch sei, wenn man aus dem Gebetbuch wirklich ohne weiteres zu beten meint, und daß nur der sie recht gebrauche, der darin Anleitung sucht, um recht beten zu lernen.
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2. Was ist nun aber das wahre Gebet?
Das wahre Herzensgebet ist nicht ein Lesen aus dem Buche, sondern es ist ein Nahen zu Gott, ein Reden mit Jesu und durch ihn zum Vater über alles, was uns bewegt. Es ist die Lebensluft, das Atmen des inwendigen Menschen, ein- Dürsten nach Gott, ein Reden von und aus dem Herzen zu Gott, ein Wallen des Herzens zu Gott


