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für Unfruchtbare.
auch denen, welche Gott keine Kinder gibt, über ihren Zustand meine Gedanken eröffnen will.
Wenn demnach Gott läsfet Eheleute ohne Kinder seyn, daß sie mit Abraham sagen: Herr, was willst du mir geben, ich gehe dahin ohne Kinder? 1. B. Mof. 25, V. 2., so sollen sie
1) bedenken, daß die Ursachen der Unfruchtbarkeit können natürlich seyn, bei den beiden Eheleuten; denn wie Gott nicht einerlei Natur allen Menschen gibt, also auch nicht einerlei Fruchtbarkeit. Wenn nun Gott diese Gabe nicht in ihre Natur geleget hat, so sollen sie deßwegen mit ihm zufrieden seyn, und wissen, daß er doch darum ihr gnädiger Gott ist, der sie liebe und ihnen gewogen sey. Hat eine Tulpe schon nicht so viele Blumen als der Rosenstock, so ist sie doch dem Gärtner und Herrn des Gartens ein liebes Gewächs. Wie viel Bäumlein zieren den Garten, und tragen doch keine Früchte, und man hat dieselben doch gern im Garten stehen. Also sind auch unfruchtbare Eheleute Gottes liebe Kinder, ob sie gleich andern an Fruchtbarkeit nicht gleich sind.
2) Sollen sie sich erinnern, daß Kinder eine Gabe des Herrn sind; wem er diese Gabe nicht geben will, der soll darum nicht wider Gott murren, noch scheel sehen, wenn Gott Einem viel, dem Andern weniger gibt. Gott ist der Herr in seinem Haus, wie er will, so theilt er aus. Gott hat sich vorbehalten drei Schlüssel: den Schlüssel zum Grabe, denn Niemand kann Todte auferwecken, als Gott; den Schlüssel zum Regen, denn kein Göze kann Regen geben, und kein Mensch kann regnen lassen; und den Schlüssel zum Mutterleib, da kann Niemand öffnen, wenn der Herr zuschließet, und Niemand zusſchließen, wenn der Herr öffnet. Ist aber diese Vorenthaltung des Ehesegens Gottes gnädiger Wille, so haben solche Eheleute eine Probe ihrer Geduld, Gelassenheit und Hoffnung abzulegen.
3) Unfruchtbarkeit ist kein Zeichen des Zorns Gottes, denn daß Gott nicht zornig über sie sey, sollen sie daher abnehmen, weil es ihnen Gott an andern Wohlthaten nicht läsfet fehlen; er gibt ihnen leibliche Gaben, Gesundheit, Segen, Nahrung, Wohlergehen, welches er zuweilen denen, die Kinder haben, nicht so reichlich ertheilet, sondern Krankheit, Kinderkrenz und Elend ihnen reichlich zumisset. Gott gibt ferner denen, welche ohne Kinder sind, die himmlischen Gaben, als Freude in Gott, Frieden mit Gott, die Gerechtigkeit Jesu Christi, Trost und Wonne; dadurch sie ja abermal überzeuget werden, daß Gott


