Druckschrift 
Die Wege des Heils : ein vollständiges Lehr- und Gebetbuch / von Karl Heinrich Seibt. Neu bearb. von Joseph Fleißner, Stadtpfarrer am Bürgerspitale in Salzburg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 Von der Kraft und Wirkung des Gebetes.

Gebete und Beispiele unsers Erlösers auch für unsere Feinde zu Gott seufzen: schnell ändert sich sodann unser liebloser Sinn. Wir fühlen nicht nur uns geneigt, zu verzeihen, sondern auch eine geheime Seelenlust, verziehen zu haben. Die Wollust verliert ihre bezaubernde Macht, wenn wir mit dem Allerheiligsten, der jede Sünde, seiner Heiligkeit wegen, unversöhnlich hassen muß, inbrünstig reden. Der Geiz wagt es nicht, sich zu regen, wenn wir von unserm Vater die ewigen Schätze, die Gerechtigkeit, den Frieden der Seele, die Stärke des Geistes zu allem Guten- erflehen.

Und werden wir uns noch stolz über Andere erheben, wenn wir oft und wiederholt im Gebet uns an unsere Fehler und Gebrechen mit wahrer Demuth erinnern? Werden wir An­dere aus Hochmuth verachten, wenn wir täglich im Gebete unsere ganze unwürdigkeit fühlen? Werden wir Diejenigen, mit denen wir umgehen, durch mürrische Ungeduld lange betrüben? oder gegen die Schwachheiten anderer Menschen unerbittlich strenge sein, wenn wir oft zu demjenigen seufzen, der uns, unserer häufigen Vergehungen ungeachtet, so viele Jahre mit Geduld und unverdienter Nachsicht ertragen hat?

Wie leicht und erwünscht gehen nnsere Berufsgeschäfte von statten, wenn wir sie mit dem Gebete anfangen, und uns hiezu Beistand und Erleuchtung von Gott erbitten! Wir fühlen neue Kräfte, so oft wir während der Arbeit an den allsehenden Zeugen denken, in dessen Gegenwart und Namen wir arbeiten, dessen Ehre der Haupt- Endzweck aller unserer Arbeiten sein soll. Fromme, gottselige Menschen er­fahren es täglich, wie heilsam, wie beruhigend und erquickend es fei, Gott stets im Gebete vor Augen zu haben, mit seiner Weisheit und Güte sich zu trösten, durch das Andenken an seine Gerechtigkeit sich zur Tugend aufzumuntern, nach seinem erhabenen Urbilde sich zu bilden und zu vervollkommnen und oft daran sich zu erinnern, wie eitel und schal gegen diese himmlischen Süßigkeiten alle Freuden der Welt, wie nnbeständig alles unter der Sonne, wie alles Irdische ver­gänglich, nur Gott allein unserer höchsten Liebe würdig, und uns wahrhaft glückselig zu machen, fähig sei. Dann mögen immerhin diese oder jene Güter uns fehlen oder ent­rissen werden, die Urtheile der Menschen uns tränken, Freunde uns treulos verlassen, Feinde wider uns ergrimmen; dann