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Die Wege des Heils : ein vollständiges Lehr- und Gebetbuch / von Karl Heinrich Seibt. Neu bearb. von Joseph Fleißner, Stadtpfarrer am Bürgerspitale in Salzburg
Entstehung
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Von der Kraft und Wirkung des Gebetes.

Asche,-wir dürfen uns mit dem Unendlichen besprechen! dürfen ohne Zurückhaltung und Scheu ihm alle unsere Gedanken eröffnen, und Alles von ihm erbitten, was wir nöthig zu haben glauben! Und er vergönnt uns nicht nur diesen Zutritt vor sein allerheiligstes Angesicht, sondern ladet uns sogar liebreich dazu ein mit der Versicherung, so oft unser Gebet zu erhören, als es mit seiner Weisheit und unserm ewigen Heile sich verträgt. Welchen Dank verdient diese unaus­sprechliche Liebe! Ohne Gebet müßten wir schlechterdings

in unserm Elend vergehen; kein Trost, keine Hoffnung bleibt dem Unglücklichen, bleibt der leidenden Tugend, der ver­folgten Unschuld übrig, wenn uns die Zuflucht zu Gott durch das Gebet nicht offen steht.

Rückt uns das Gewissen die Vergehungen mancher langen Jahre vor, erfüllt uns das Bewußtsein unserer täglichen Fehler mit Scham und Unruhe: so müßten wir verzweifeln, könnten wir uns mittelst des Gebeles nicht in die Arme der göttlichen Varmherzigkeit werfen. Zerrütten kummer, Sorgen und Schmerzen unsere Seele und finden wir keine Hülfe für uns auf Erden, o, so treten wir im Gebete vor den Thron dessen, der Himmel und Erde in seiner Gewalt hat, der die Schicksale der Menschen kennt und alles Uebel zu unserm Besten zu leiten vermag. Dieser Freund ist immer geneigt, zu helfen; er gibt uns den weisesten Rath, indem er unsere Gedanken regieret, und uns den besten Weg ent­decken läßt, den wir jedesmal zu gehen haben.

Oft erkaltet die Liebe Gottes in unserer Seele, die noch allzusehr an dem Irdischen und Sinnlichen klebet. O, dann ist es Zeit, wenn wir dieß, merken, daß wir im Gebete uns zu Gott aufschwingen, uns seine Güte, seine Barmherzigkeit und seine väterliche Liebe zu Gemüthe führen, den Ueberfluß seiner Wohlthaten und seine schonende Langmuth uns vor­stellen. Und gewiß, die enschlafene Liebe wird aufwachen, unser laues Herz wieder erwärmen und neue Vorsäte, uns mit allem Ernste an Gott allein zu halten, erzeugen.

Oft fühlen wir einen lieblosen Kaltsinn gegen unsere Brüder; noch öfter können wir uns nicht überwinden, unsern Beleidigern von ganzem Herzen zu vergeben, und die auf­lodernde Rachbegierde zu unterdrücken. Sobald wir aber anfangen, für unsere Mitmenschen zu beten, und nach dem