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Die Wege des Heils : ein vollständiges Lehr- und Gebetbuch / von Karl Heinrich Seibt. Neu bearb. von Joseph Fleißner, Stadtpfarrer am Bürgerspitale in Salzburg
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Von den Eigenschaften des Gebetes.

Von den Eigenschaften des Gebetes.

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ie muß denn ein rechtes, ein würdiges, ein er­hörliches Gebet beschaffen sein?- Es muß folgende Eigenschaften haben:

Die erste ist die Liebe. Diese bringt den Geist des Gebetes hervor; sie läßt uns das Böse und Traurige der Ungerechtigkeit, in welcher wir stecken, einsehen, sie macht, daß wir ein Verlangen nach dem Gute der Gerechtigkeit, welche wir verloren haben, bei uns verspüren, um dadurch der Vereinigung mit Gott, welchen wir über Alles lieben, würdig zu werden.

Die zweite Eigenschaft des Gebetes ist die Demuth des Herzens, welche aus der Empfindung unsers Elendes ent­steht. Und indem wir uns als solche betrachten, die der Gnaden Gottes ganz unwürdig sind, so müssen wir die Hoffnung, diese Gnaden zu erhalten, auf die Barmherzigkeit Gottes allein gründen. Nichts verunreinigt daher das Gebet so sehr, als der Stolz, mit welchem sehr oft die Menschen vor Gott erscheinen. Sie beten aus einem Herzen, das von sich selbst ganz mit Hochachtung und Wohlgefälligkeit ein­genommen ist, und einen innerlichen pharisäischen Hochmuth, ein geheimes Vertrauen entweder auf ihre Tugend und Frömmigkeit, oder auf die äußerlichen Güter, die sie be­sigen, nähret. Ob sie nun gleich mit dem Munde jagen, sie hätten keinen Anspruch auf die Gnade Gottes: so wider­sprechen doch der innere Stolz und die Aufblähung des Herzens diesen Versicherungen und machen ihr Gebet zu einem Greuel in den Augen Gottes, und also unerhörlich. Die dritte Eigenschaft des Gebetes ist das Verlangen und der Durst nach der Gerechtigkeit. Gott sättiget nur die­jenigen, die nach Gerechtigkeit hungern. Dieß ist das ein­zige Verlangen, welches er zu stillen verheißen hat. Wir müssen daher Gott mit gläubigen Empfindungen bitten, daß er uns dieses wahre Verlangen nach seiner Gerechtigkeit, wenn wir es noch nicht haben, schenken; und wenn wir es schon haben, vermehren, reinigen und erhalten wolle.