Vom Gekete überhaupt.
Das Gebet besteht wesentlich im Seufzen des Herzens, denn die Gebete des heiligen Geistes find Seufzer. Wer Gott nicht liebt, seufzet auch nicht nach dem ewigen Leben, und wer nach dem ewigen Leben nicht seufzet, der liebt auch Gott nicht. Nun muß man aber, um zu seufzen, da, wo man ist, sich übel befinden, und einen anderen Zustand wünschen und verlangen. Wer also nicht seufzet, der betet nicht; und wer nicht betet, darf sich nicht Hoffnung machen, von Gott irgend etwas zu erlangen. Denn obgleich Gott als der Allwissende unsere Bedürfnisse am Besten kennt, und als der höchst Gütige uns Alles zu geben bereit ist, was uns nützlich und heilsam sein kann, so will er doch darum von uns gebeten und angerufen sein.
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Obgleich die Christen nicht ihr ganzes Leben mit Beten zubringen können und auch nicht sollen, da die andere Hälfte ihrer Pflichten sie zum Arbeiten verbindet, so sind sie doch verbunden, das Beten, diese zu unserem Heile so unentbehrliche Handlung, so oft als möglich zu wiederholen, und dabei alles Dasjenige sorgfältig zu vermeiden, was ihr Gebet unwürdig machen kann, der göttlichen Majestät vorgetragen zu werden. Ein unwürdiges Gebet ist noch etwas Schlimmeres, als gar keines. Dieser Umstand verbindet die Christen, nicht nur die Zerstreuungen zu vermeiden, in welche man so leicht beim Gebet fallen kann, sondern auch noch weit mehr die Quellen der Zerstreuungen zu verstopfen, weil diese die Seele mit nichtigen und irdischen Gedanken und Vorstellungen erfüllen, und sie somit ganz unfähig machen, sich mit Gott zu beschäftigen.
Wären die Menschen für ihr geistliches Wachsthum und für das Heil ihrer Seelen so, wie sie sollten, besorgt: sie würden ein dazu so nützliches Mittel nicht so leicht verabsäumen und sich vielmehr angewöhnen, für Gott und für den Umgang mit ihm durch das Gebet sehr viele kleine Augenblicke, die ihnen ohnehin ganz unbenützt verstreichen, zu ersparen, z. B. ihre Gedanken zu Gott zu erheben, wenn. der Schlaf in der Nacht unterbrochen wird, oder wenn man früh Morgens aufwacht, wenn man sich anfleidet, oder wenn man von einem Orte zum andern geht u. dergl. Man würde auf diese Art Zeit genug zum Beten, und keine Urfache haben, sich zu beklagen, daß man seiner Geschäfte wegen


