Paul Gerhardts Geistliche Lieder.
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Das deutsche Volk aber hat schon längst Paul Gerhardt den Preis zuerkannt. Denn seine Lieder sind, wie die keines andern Dichters, ins Volk gedrungen. Gervinus kann mit Recht von ihm sagen: ,, Er ist ganz ein Volksmann und Volksdichter." Es giebt kein deutsches evangelisches Gesangbuch, das nicht eine Fülle Gerhardt'scher Lieder enthält, und man begegnet nicht leicht im evangelischen Deutschland einem Mann aus dem Volke, der nicht einige von Gerhardts Liedern auswendig könnte. Auch hat Gerhardt einen so gewaltigen Einfluß auf die geistlichen Lieberdichter der Deutschen sowohl feines als der kommenden Zeitalter geübt, wie es von Scheffler niemand wird behaupten können. War Luther der Schöpfer der geistlichen Dichtung des evangelischen Deutschlands, so wurde Gerhardt der Neuschöpfer derselben. Auch müssen wir an ihm eine Vielseitigkeit bewundern, die man in Schefflers Werken vergebens sucht. Den Liedern des lettern liegen nur wenige Gedanken zum Grunde, die er allerdings stets in ein neues ansprechendes Gewand zu kleiden weiß. Gerhardts Lieder aber umfassen nicht nur das weite Gebiet des Lebens und der Lehre Christi und der mannigfaltigsten christlichen Tugenden, sondern verbreiten sich auch über die Verhältnisse des Hauses, der Familie und des Staates, ja befingen auch die Tages- und Jahreszeiten und wissen die Reize der Natur poetisch zu verklären.
Mit Gerhardt beginnt eine neue Periode für das deutsche Kirchenlied. Wie Flemming der Meister des weltlichen Liedes war, so war Gerhardt der Meister des geistlichen Liedes. Luther hatte so zu sagen das deutsche Kirchenlied geschaffen und mit unvergleichlicher Kraft, Freudigkeit und Glaubensfrische seine siebenunddreißig Lieder gesungen. Er hatte auch manchen Nachfolger auf seiner Bahn gefunden, dem es gelungen war, beinahe bis zu der von ihm erreichten Höhe hinaufzuklimmen. Die meisten seiner Nachfolger aber vermochten nur in seiner etwas harten und scharfen Sprache, nicht in seinem Geiste, zu dichten. Ihre Lieder sind meistentheils hart und roh im Ausdruck und dem Inhalte nach überaus nüchtern. Es sind oft nur Reflexionen über dogmatische und moralische Lehrfäke. So sank das Kirchenlied nach und nach zur nüchternen, völlig unpoetischen Reimerei herab. In diesem Zustand, in diesem Todesschlaf fand es Paul Gerhardt, und es bleibt sein unsterbliches Verdienst, es daraus erweckt zu haben.
Er kehrte zu Luthers Geist und Sinn zurück. Luthers Kraft und felfenfester Glaube wiederholten sich gleichsam in ihm. Nur einen großen Unterschied nehmen wir, wenn wir auf den Inhalt seiner Lieder blicken, zwischen ihm und Luther wahr. Dieser lettere war noch voll von dem Gedanken, ja wir können sagen, noch von der Hoffnung beseelt, der alten römischen Kirche eine neue entgegensehen zu können.


