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Paul Gerhardts Geistliche Lieder.
aus der Luft gegriffen, da auch dieses Lied schon 1656, also zu einer Zeit, wo der Dichter noch Propst in Mittenwalde und an einen Streit mit dem großen Kurfürsten noch nicht zu denken war, im Druck erschienen war. Beiden Liedern kann also nur eine prophetische Bedeutung beigemessen werden. Sie wiesen im voraus auf das innige Gottvertrauen und den Heldenmuth, die der Dichter später, als die Sorgen, Trübsale und Kämpfe des Lebens so gewaltig über ihn hereinbrachen, in so herrlicher Weise gezeigt hat.
Soviel von Gerhardts Lebensumständen. Gehen wir nun dazu über, noch einige Bemerkungen über seine Lieder zu machen.
Nur wenige Völker besitzen so große geistliche Liederdichter als unser deutsches Volk. Da glänzen am Himmel unsrer geistlichen poetischen Literatur als Sterne erster Größe ein Luther, ein Spee, ein Gerhardt, ein Scheffler, ein Heermann; da zeigen sich neben ihnen als Sterne zweiter Größe ein Speratus, ein Nic. Hermann, ein Selnecker, ein Ringwaldt, ein Nicolai, ein Dach, ein Rist, ein J. Frank, ein Joachim Neander, ein Knorr von Rosenroth, ein Benj. Schmolck und noch gar manche andre, deren Namen wir hier, weil es zu weit führen würde, nicht nennen können. Doch unter all' diesen Sternen ist Gerhardt wohl der leuchtendste und glänzendste. Nur zwei ber vorgenannten Liederdichter könnten vielleicht mit ihm um die Palme ringen, nämlich Luther und Scheffler. Viele wollen in Luthers Liedern größere Kraft, höheren Muth und innigere Freudigkeit finden. Wer aber Gerhardts Lieder recht kennt, der wird gestehen müssen, daß sie denen unsres Luther an Kraft und Freudigkeit kaum nachstehen, sie aber an Wärme, Innigkeit und gläubiger Hingabe der Seele an Gott wohl übertreffen dürften. In Joh. Schefflers Liedern müssen wir allerdings einen großen Reichthum der Sprache, eine gewaltige Herrschaft über dieselbe, ein tiefes Gefühl für die Natur, ein unablässiges Ringen nach der Gemeinschaft mit Gott, eine glühende Sehnsucht nach dem Heiland, eine große Gewandheit der Darstellung und einen untadelhaften Rhythmus bewundern. Paul Gerhardts Reichthum von Worten aber, sowie seine Herrschaft über die Sprache sind kaum minder groß; feine Darstellung aber und sein Rhythmus von gleicher Vortrefflichkeit. Wohl vermissen wir bei ihm jene tiefinnige Neigung zum Heilande, die den Grundzug von Schefflers Liedern bildet und sich oft in sinnlicher Weise ausspricht, dafür aber sind Gerhardts Lieder ganz frei von jener schwärmerischen Sentimentalität, in welche Schefflers Liebe und Sehnsucht nur zu oft ausartet, und wir müssen an ihm eine gereifte, männliche Liebe, einen über alle Zweifel erhabenen, lebendigen Glauben und einen felsenfesten Muth bewundern, wie wir solche nur in einigen wenigen Liedern aus Schefflers letter Periode zu entdecken vermögen.


