Druckschrift 
Paul Gerhardt's geistliche Lieder getreu nach den besten Ausgaben abgedruckt / hrsg. von Fr. v. Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Paul Gerhardts Geistliche Lieder.

9

Unterschrift lieft: Theologus in cribro Satanae versatus( ein Theolog im Siebe Satans gesichtet; Luc. 22,31). Das Grab aber trägt eine von Gottlieb Wernsdorf gedichtete lateinische Inschrift, welche in deutscher Übersetzung so lautet:

Wie lebend siehst du hier Paul Gerhardts theures Bild, Der ganz von Glaube, Lieb' und Hoffnung war erfüllt. In Tönen voller Kraft, gleich Assaphs Harfenklängen, Erhob er Christi Lob mit himmlischen Gesängen. Sing' seine Lieder oft, o Christ, in heil'ger Lust, So bringet Gottes Geist durch sie in deine Brust!

Che wir diese kurze Lebensskizze unsres großen Dichters zum Ab­schluß bringen, wollen wir noch einige Worte über zwei dem Gebiet der Sage angehörige Erzählungen anfügen, die sich an zwei seiner Lieder knüpfen. Die erste derselben bezieht sich auf das beilhmteſte und bekannteste seiner Lieder, den herrlichen Gesang: Befiehl du deine Wege". Paul Gerhardt soll nämlich, als er 1666 zu Berlin feines Amts entsetzt ward, zugleich des Landes verwiesen worden sein. Dar­auf soll er sich, vom tiefsten Kummer erfüllt, auf den Weg nach seiner sächsischen Heimat gemacht und auf diesem Wege in einer elenden Her­berge mit Weib und Kind Raft gehalten haben. Ehe die Mittags­mahlzeit aufgetragen ward, soll er sich in den Garten hinter dem Hause begeben, und dort soll er das herrliche Lied gedichtet, und es sofort zu Papier gebracht haben. Darauf soll er zu seiner Gattin zurückgekehrt, und es ihr zu ihrem nicht geringen Troste vorgelesen haben. Dieſe Vorlesung soll kaum zu Ende gewesen sein, als sofort zwei Abgeord­nete des Herzogs Christian von Sachsen- Merseburg erschienen seien, und ihm die Berufung nach Lübben überbracht hätten. So schön nun diese Erzählung auch ist, und so sehr sie es verdient, daß der begabte Dichter G. P. Schmidt von Lübeck sie in einer schönen Ballade ver­ewigt hat, so beruht sie doch nicht auf Wahrheit. Denn das Lied war schon 1653, also dreizehn Jahre vor Gerhardts Amtsentsetzung, gedruckt. Auch können wir, wenn wir bedenken, daß dieses herrliche Gedicht ein Akrostichon auf die Worte Pf. 37,5, ist und von der höchsten künstle= rischen Vollendung zeugt, leicht einsehen, daß es selbst einem Paul Gerhardt unmöglich sein dürfte, ein so herrliches Werk in zwei Stun­den in einem Wirthshausgarten zu schaffen.

Die zweite Erzählung betrifft eine Stelle in dem Liede: Ist Gott für mich, so trete," nämlich die Zeilen:

Kein Zorn des großen Fürsten Soll mir ein' Hind'rung sein.

Diese Worte hat man auf Gerhardts Streit mit dem großen Kur­fürsten beziehen wollen. Die Jdee ist wahrlich nicht übel, ist aber rein