Druckschrift 
Paul Gerhardt's geistliche Lieder getreu nach den besten Ausgaben abgedruckt / hrsg. von Fr. v. Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Paul Gerhardts Geistliche Lieder.

der Sit einer gemäßigteren, lebensvolleren und beziehungsweise fried­liebenden Orthodoxie, und dieses Lob gebührt in viel höherem Grade der Facultät und derjenigen Composition, in welcher sie um 1620 uns entgegentritt, wo außer Franz Männer dazu gehören, wie Balduin, B. Meisner, Jakob Martini, Röber. In ihnen allen giebt sich selbst ein über die Schranken damaliger Kirchlichkeit hinausgehen­der Geist der Mäßigkeit, der Liebe und des praktischen Interesses für die Kirche zu erkennen."*) Namentlich einer dieser wackern Männer, nämlich Paul Röber, mag großen Einfluß auf unsern Gerhardt geübt, und da er selbst geistlicher Liederdichter war, auch die poetische Ader desselben gepflegt und genährt haben.**)

Wie lange sich Gerhardt in Wittenberg aufgehalten, und wo er nach absolvirtem Studium seine Wohnung aufgeschlagen hat, ist bis heute noch nicht ermittelt worden. Mit Gewißheit wissen wir nur, daß er ungefähr um das Jahr 1642 nach Berlin übersiedelte, und daselbst Hauslehrer in der Familie des Kammergerichts- Advocaten Andreas Barthold wurde, welche Stellung er bis in sein vierundvierzigstes Jahr( also bis 1651) bekleidete. Was seine Anstellung als Geistlicher so lange verzögerte, ist uns nicht bekannt geworden. Vielleicht trug die große Bescheidenheit und zarte Gewissenhaftigkeit unfres Dichters, die ihm das Suchen nach einem Amte untersagte und ihn einen Ruf abwarten hieß, am meisten dazu bei. Vielleicht trugen auch die Ver­wüstungen des dreißigjährigen Kriegs, wodurch viele Pfarrdienste ganz eingegangen waren, die Schuld. Nach langem Warten aber erging end­lich auch an unsern Gerhardt des Herrn Ruf. Denn am 13. März 1651 wandte sich die Behörde des kleinen Städtchens Mittenwalde an das geistliche Ministerium zu Berlin mit der Bitte, ihr einen geeigneten Mann für die erste Pfarrstelle( Propstei) daselbst zuweisen zu wollen. Auf dieses Ansuchen erwiderte das Ministerium: Wir tragen Herrn Paul Gerhardt, S. S. Theol. Cand. bester Maßen zu solchem Amte an, in der Versichrung, daß man in diesem wohlgemeinten Vorschlag der christlichen Gemeinde eine solche Person fürhalte, deren Fleiß und Erudition bekannt, die eines guten Geistes und ungefälschter Lehre, dabei auch eines ehr- friedliebenden Gemüthes und christlich untadel­haften Lebens sei, daher auch bei Hohen und Niedrigen unsres Orts lieb und werth gehalten, und von uns aller Zeit das Zeugnis erhal­ten wird, daß er auf unser freundliches Ansinnen zu vielen Malen

*) S. Tholuck: Lebenszeugen der lutherischen Kirche. Berlin 1859. S. 172. **) Für die Wahrheit dieser unsrer Annahme spricht die Thatsache, daß wir von unfrem Dichter in dem Liede: 0 Tod, o Tod, schreckliches Bild" eine Bearbeitung einer Dichtung dieses seines Meisters besitzen.