22 Erster Theil. Auslegung des Salve Regina.
men, daß Maria, die an Heiligkeit und Gehor sam weit über Abraham steht, mit noch größerer Gottergebenheit einen ähnlichen Befehl ausgeführt haben würde. Gott hat Abraham für das Opfer, das Er Ihm durch seines Sohnes Tod dar bringen wollte, reichlich gesegnet; aber welchen Ersat können wir Mariä für das Leben ihres Sohnes darbieten, den sie für uns hingeopfert hat, und der doch unendlich mehr Liebe und Ehrfurcht verdient, als Jsaat, der Sohn Abraham's? „ Wie sehr sind wir also verpflichtet, sie zu lieben," sagt der hl. Bonaventura, da sie uns mehr als alle andern erschaffenen Wesen geliebt, indem sie uns ihren einzigen Sohn, den sie mehr als sich selbst geliebt, geschenkt hat!" Eben hieraus folgt denn auch noch ein anderer Beweggrund ihrer Liebe zu uns, weil sie nämlich weiß, welch großes Opfer es ihren göttlichen Sohn gekostet, uns die verlorne Seligkeit wieder zu erkaufen. Wenn eine Mutter wüßte, daß ein Knecht durch zwanzigjäh rige schmerzhafte Gefangenschaft ihres Sohnes aus seiner Knechtschaft losgekauft worden, wie sehr würde dies Bewußtsein ihre Zuneigung für jenen Knecht vermehren? Wird nun Maria uns nicht mit be sonderer Liebe zugethan sein, weil wir nicht blos durch eine schmerzhafte Gefangenschaft, sondern durd den schauderhaftesten Tod ihres Sohnes aus der Sünde und deren Knechtschaft erlöst worden sind? Sie würde ja sonst den Tod Christi geringschätzen, der das Lösegeld für unsre Seligkeit geworden ist.
Wenn Maria so voll zärtlicher Liebe zu uns ist; wenn sie, nach dem Ausdruck des hl. Anto nin, alle an ihrer Barmherzigkeit theilnehmen


