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Nicht so hält uns die Religion das heilsame Bild des Todes vor! nicht so erinnert uns der heutige Tag an das ewige Gefeß unserer Sterblichkeit! nicht so will ich in der Verweslichkeit meines Körpers die hohe Bestimmung des Menschen zu einem ewigen Leben, in welchem meine verstorbenen Mitbrüder sich bereits befinden, mißkennen. Ach! sie sind freylich nicht mehr! Wir weinen um sie, wir bitten für sie; aber es ist doch um sie, die Hinübergegangenen, und um uns, die noch Zurückgelassenen, ein ewiges Band geschlungen; wenn die Scheidewand der Zeit durchbrochen ist, werden wir ihnen nachrücken, um, wie sie, und mit ihnen, unserer Vollen: dung entgegen zu eilen: denn wir alle find Geis ster, zur Ewigkeit bestimmt! Das Andenken an fie, niederschlagend durch den Gedanken einer gleichen Sterblichkeit, ist auch herzerhebend durch die Hoffnungen eines ewigen Fortschreitens auf der Bahn unferer Bestimmung. Die Gebete, die heute zu dir, o Gott! unseren Herzen für diese Abgeschiedenen entfirömen, erinnern uns, daß wir zwar für Verstorbene, aber auch für Unsterbliche beten, und daß wir selbst unsterblich sind. Aus dem Dunkel der Leichentücher, die wir hier erblicken, strahlt uns dieser Gedanke entgegen; der ernste Ruf des Priesters: Herr! gieb ihnen die ewige Ruhe! ist mit diesem hohen begeisternden Sinne durchwebt!


