Druckschrift 
Allgemeines Evangelisches Gesangbuch für das Großherzogthum Hessen : [nebst] Gebäte zur Hausandacht [und] Episteln und Evangelien auf alle Sonntage und hohe Feste [und] Der kleine Katechismus D. M. Luthers
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Geschichte der Zerstörung Jerusalems.

beraubt. So ward die schrecklichste Hungersnoth vorbe­reitet, die nun bald nebst der Best ausbrach.

44

Titus rückte der Stadt immer näher; er eroberte die untere Stadt und ließ einen Theil der Mauer einreißen; schloß die Stadt durch einen hohen Erdwall ein, und ließ gar keine Lebensmittel mehr hinein. Dadurch stieg die Hungersnoth aufs höchste. Obgleich Titus den Einwoh­nern mehr als einmal Gnade und Friede anbieten ließ, wenn sie sich ergeben wollten; so wies ihr Stolz und ihre Hartnäckigkeit doch jedesmal solche Friedensvorschläge zu­rück. Der Feldherr Titus ergriff daher noch strengere Maaßregeln. Die Römer fingen die Juden, welche aus der Stadt kamen, um sich Nahrungsmittel zu suchen, auf und freuzigten sie nahe bei der Stadt zum Schrecken der übrigen. In einer Nacht wurden 5000 eingebracht, und der Gekreuzigten waren so viele, daß es zuletzt an Holz zu Kreuzen fehlte.

In der Stadt selbst waren die Lebensmittel dergestalt aufgezehrt, daß manche Reiche alle ihre Habseligkeiten für ein Maaß Korn, oder Gerste hingaben. Vor Hunger aßen die, welche noch etwas Getreide erkaufen konnten, die Körner ungemahlen. Die Stärkern, besonders die Re­bellen, liefen in den Häusern wüthend umher, und raub­ten alle Speisen, die sie noch fanden. Da ward kein Al­ter und keine Jugend verschont. Man nahm Greisen und Kindern das Essen vor dem Munde weg; sogar Frauen riffen ihren Männern, Söhne ihren Aeltern, Mütter ih­ren Kindern die Speise aus dem Munde. Zuletzt wurde die Noth so groß, daß man vor Hunger lederne Gürtel, Schuhe und das Leder an den Schilden zernagte, altes abgegangenes Heu zur Speise nahm, und eine Hand voll davon mit 16 Groschen bezahlte; ja man suchte sogar seine Nahrung an unflätigen Orten, und verzehrte vor Hunger Kuhmist und dergleichen unreine und ungesunde Dinge, Dadurch entstanden Best und das schrecklichste Elend. Die Dächer lagen voll Frauen und kleiner Kinder, die verhuns gert waren, und die Straßen waren mit erblaßten Grei­fen angefüllt. Jünglinge und Knaben, wenn sie schon zu schwellen anfingen, schlichen als Schattenbilder umher, und fielen auf öffentlicher Straße todt zur Erde. Die An­zahl derer, die von Pest und Hunger hingerafft wurden, ist