III
das Wort des Urtextes gleichsam wie in einem Spiegel wieder hervorzubringen. Selbstredend darf die Grenze dieser Genauigkeit nicht so enge gezogen werden, daß dadurch der in eine andere Sprache übersetzte Satz alle Verständlichkeit verlieren und folglich ohne Sinn bleiben würde.
Ein andrer Grund, die Uebersetzung so genau wie möglich zu geben, war die Ueberzeugung, daß es für den des Urtertes unfundigen Leser nicht ohne Nutzen sein werde, etwas von dem Stil, den Gewohnheiten, den Gedanken und den Sitten der Schriftsteller der Evangelien kennen zu lernen. Denn da sowohl das Herz, als auch das Verständnis in dem Worte Gottes Nahrung findet, so sind die von ihnen gewählten bildlichen Ausdrücke oft nicht ohne Wichtigkeit, und durch die Veränderung derselben können, selbst wenn der Sinn des Satzes unverändert bleibt, die Empfindungen des Herzens oft verloren gehen. Ueberhaupt bewegte uns stets das tiefe Gefühl, daß es das Wort Gottes sei, das uns beschäftigte, und wir waren daher bemüht, dieses unser Werk, indem wir es der Beurteilung rücksichtsvoller Richter anheimgeben, so verständlich und zugleich so wörtlich, wie uns irgend möglich, auszuführen.
Zur Erreichung dieses Zweckes übersetzten wir zunächst nach dem Urtext; wir benutzten aber auch die Uebersetzungen von Luther, von de Wette, von von der Heydt, sowie die durch Meier verbesserte lutherische Uebersetzung; ferner die im allgemeinen sehr wörtliche berleburgische, die holländische und englische Uebersetzung, welch letztere beide sehr genau und vortrefflich sind, und endlich die Polyglottenbibel von Stier, die außer einigen der genannten deutschen Uebersetzungen noch mehrere andere enthält. Wir machen keinen Anspruch darauf, eine kritische Ausgabe der Deffentlichkeit übergeben zu wollen; jedoch wollten wir dem der griechischen Sprache unkundigen Leser die Gelegenheit verschaffen, von der Frucht der Mühe der Gelehrten genießen zu können; und einige Worte über die Geschichte des Tertes werden über das, was wir zur Erreichung dieser Absicht gethan haben, nähern Aufschluß geben.
Bis zu Ende des 15. Jahrhunderts, um welche Zeit die Buchdruckerkunst erfunden wurde, waren die Heiligen Schriften, gleich allen andern Büchern, nur in Manuskripten vorhanden. Die erſte gedruckte Bibel verdanken wir dem Kardinal Ximenes. Es wurde nämlich in Spanien ein großes Werk von Manuskripten zusammengestellt, welches man nach dem lateinischen Namen des Ortes, wo es vollendet wurde, Complutensis nannte. Man sagt auch, daß


