Kurze Lebensgeschichte
göttlich- süßen Gespräche, jene vertrauliche Ansprache, jene gehei men Unterrebungen, die du mit dem Söhnlein pflegtest, wenn er, in deinem Schooße liegend, himmlische Geheimnisse dir eröffnete! was sprach er da? Was lehrte er? Was fragtest du ihn? Was antwortete er dir? Denn innigst war es dir fund, wer er wäre; du waßtest, daß die unendlichen Schätze der Weisheit Gottes in ihm verborgen waren; daß der tiefste Abgrund des göttlichen Lichtes in seiner findlichen Brust sich behielt; und bewahrtest alle Worte seines Mundes als göttliche Aussprüche. O glückselige Frau, die bu so lange mit dem Nectar ber göttlichen Weisheit getränkt wurdest! Warum, o glorreiche Jungfrau, hast du diese so große Wonnen uns vorbehalten? warum diese so ersehnlichen Schätze vor deinen Dienern verborgen? warum diese süßesten Gespräche nicht zu unserer Belehrung und zu unserem Troste in den heil. Schriften aufzuzeichnen befohlen?" Was wäre uns lieblicher; was je füßer und erfreulicher, was auch heilsamer, als daß wir durch die Speise so heiliger Weisheit ernährt würden, durch die himmlischen Dinge, von welchen Sohn und Mutter sich besprachen? Doch nimmer geziemte es sich, diese so kostbaren Edelgesteine vor Allen zu entfalten, und Dinge, die den Menschen nicht erlaubt sind zu sprechen, Allen öffentlich kund zu thun!
Wundersam hebt jedoch der liebreiche und feurige Betrachter, der heil. Antonius, den Schleier dieser heil. Verborgenheit, und zeigt uns die Jungfrau im süßesten Gespräche mit dem göttlichen Kinde. ,, War auch die Jungfrau," spricht er, ,, durch ihre heil. Geburt die wahrhaftige Mutter Christi, so erzeigte sie, da es ihr kund war, ihr Sohn sei ihr Schöpfer, sich dennoch nimmermehr gegen ihn als Mutter, sondern als seine demüthigste Magd; wiewohl er ihr, als seiner wahren Mutter mit Ehrfurcht begegnete. Keine Ehrfurcht forderte sie jedoch, sondern fromm entsagte sie der ihr erwiesenen, und führte sie auf ihn zurück." O welch' ein frommer Wettstreit in der heiligen, verborgenen Hütte zwischen der Mutter und dem Sohne! Zuvorkommen wollte sie durch Kniebeugungen ihm, der sich gehorsam vor ihr neigte; er dagegen, dem alles Künftige gegenwärtig war, kam der ihm Zuvorkommenden selbst mit Ehrfurcht zuvor. Auf den Knieen betete sie den Sohn an; er aber neigte sein Haupt demüthig vor der Anbetenden. Nimmer geziemt es sich, sprach fie, daß Gott vor einem Weibe sich neige; er aber antwortete: Gleichwohl geziemt es sich auf alle Weise, daß der Sohn der Mutter untergeben sei! Laß, mein Sohn, sprach Maria, mich jenes Gesetz vollbringen, was bein göttlicher Mund aus
-


