Kurze Lebensgeschichte
Fürwahr, ich sage dir, daß ich keine Gnade, keine Gabe, feine Tugend von Gott bekam, ohne große Arbeit, ohne inbrünstiges Verlangen, ohne tiefe Andacht, ohne viele Thränen und große Trübsale; indem ich immer, so gut ich nur wußte und konnte, dachte und sprach, was ihm wohlgefällig war; die einzige Gnade der Heiligung ausgenommen, fraft welcher ich im Mutterleibe geheiligt ward." Sie fügte noch bei: ,, Dieß wisse für gewiß, daß keine Gnade in die Seele hinabsteigt, außer durch Gebet und Trübfal. Wenn wir aber Gott gegeben haben, was wir durch uns vermögen, ob es auch wenig ist, dann kommt fie in die Seele und bringt diese allerhöchsten Gaben: daß die Seele in sich selbst zu vergehen scheint, und es aus ihrem Gedächtnisse verschwindet, daß sie je etwas gethan oder gesprochen hat, das Gott angenehm gewesen wäre; und sie bedünkt sich dann geringer und verächtlicher, als je."
Fünftes Kapitel. Von der Vermählung der allerseligsten Jungfrau.
es Also erschwang diese bräutliche Taube des heil. Geistes sich von Gnade zu Gnade, von Liebe zu Liebe, von Heiligkeit zu Heiligkeit, und bereitete ihr Herz zu dem erhabensten aller Geheimnisse Gottes, nicht ahnend, daß dasselbe in ihr in Erfüllung gehen sollte. In süßester Freude ihres Herzens, wäre fie ewig als die Letzte der Dienerinnen Gottes in seinem heiligen Tempel geblieben; denn vollkommen im Gesetze unterrichtet, dessen Betrachtung sie mit süßem Troste und heiliger Freude erfüllte, war sie frühe in den innersten Geist desselben eingebrungen, und hatte, den Buchstaben überschreitend, dem Herrn ewige Jungfräulichkeit gelobt. Allein der Allerhöchste, dessen Augen mit Wohlgefallen auf ihr ruhten, und der sie, als die Krone des menschlichen Geschlechtes, zur Erfüllung seiner göttlichen Absichten erforen hatte, und selbst der Schirmer des jungfräulichen Geläibbes war, das er ihr eingeflößt hatte, erwählte, das Heiligste aller Geheimnisse der Welt und der Hölle zu verbergen, bis es öffentlich erscheinen sollte, den Gerechtesten aus Israel zum Gefährten ihres Lebens, zum Beschützer ihrer Jungfräulichkeit, und zum Nährvater seines Eingebornen, der in ihrem jungfräulichen Schroße mit der menschlichen Natur sich vermählen, und in derselben Adams Geschlecht vom Fluche erlösen sollte. Und wahrlich, in vollendeter Tugend glänzte ihr heiliger Gehorsam, ihre treue Ergebung in die Absichten des Herrn, und ihr festes Vertrauen auf seine Vorsehung, als sie trotz ihres unverbrüchlichen Gelübdes, das sie selbst


