XII
nicht verschont geblieben. Naivität nun, wenn sie einmal verloren ist, läßt sich nicht erneuern, und jedes Streben, sie künstlich wieder ins Volk zu pflanzen, führt zum Lächerlichen oder zu etwas noch weit Schlimmern; Rohheit und Ungeschmack aber soll nicht wieder hergestellt werden. Einem verzärtelten und verkränkelten Geschmacke freilich, der auch an der volksthümliche. Kraft und Schönheit der Bibelsprache und an ihrer Reproduktion in Lied und Gebet Anstoß nimmt, soll eben so wenig nachgegeben werden, als jenem mit dem Glauben zerfallenen Sinne, der seinen geheimen Widerspruch gegen den Inhalt durch den offnen Widerspruch gegen die Form zu bemänteln strebt. Sowie es aber ein schweres Unrecht wäre, Lieder, wie ,, Gott hat das Evangelium gegeben" von E. Alberus troß einer gervissen Kraft und Energie der Sprache wieder zur Erbauung zu bieten, so würde es ein gleiches Unrecht sein, Lieder, deren Erneuerung wegen ihrer Vortrefflichkeit im Ganzen höchst wünschenswerth ist, mit allen sie entstellenden Flecken in Gebrauch zu sehen.
Außer den berührten gibt es aber noch eine andere Art von Anstößen, die ich firchliche nennen möchte. Ich meine nämlich solche Elemente eines im Ganzen ächt kirchlichen Liedes, welche den Kirchenstyl allzusehr verlegen und deßhalb nach meiner Ansicht selbst dann, wenn sie an und für sich betrachtet nichts Anstößiges enthalten, bei gottesdienstlichen Liedern beseitigt werden müssen. Es ist das ein Recht, welches die Kirche auch


