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Hannoversches Kirchen-Gesangbuch : nebst einem Anhange, Gebetbuche und den Episteln ;
(Zum Besten des Calenberg-Grubenhagenschen Waisen-Instituts)
Entstehung
Seite
110
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110 Die Beschreibung von der Zerstoͤhrung Jerusalems.

lig behauptet. Wenige tage nach her ward der angrif auf die burg Antoniam gerichtet. Titus ließ nach seiner guͤtigen und mit leidigen gesinnung die belagerten abermahls durch den Josephum zur uͤbergabe ermahnen; allein, ob dieser gleich durch eine sehr nachdruͤckliche rede und mit thraͤ⸗ nen sie zu bewegen suchte, so wur den doch alle vorstellungen nur mit schimpfworten und sogar mit pfeilen erwiedert. Viele ein⸗ wohner suchten indeß durch die flucht ihre errettung, und erhiel⸗ ten auch solche, wenn sie der wach⸗ samkeit und den schwertern der besatzung zu entgehen vermogten, durch die gelindigkeit des Titus. Die aber als gefangene in die haͤn⸗ de der Roͤmer fielen, wurden in so grosser menge in dem angesichte der stadt gekreuziget, daß nach Jo⸗ sephi ausdruck es zulezt an raum und holz zu kreuzen mangelte. Ein gewiß sehr merkwuͤrdiger anblick vor einer stadt, deren einwohner die kreuzigungChristi demPilatus mit der groͤßten wuth abgedrun⸗ gen hatten! Titus ließ inzwischen diese grausamkeit zu, um zu versu⸗ chen, ob vielleicht die furcht vor einer gleichen bestrafung die hart⸗ naͤckigkeit der belagerten uͤber⸗ winden moͤgte. Aber so wenig die⸗ ses, als die bereits sehr zuneh⸗ mende hungers-noth, noch auch die wiederholten warnungen des Roͤmischen feldherrn, die stadt, den tempel und ihr eigenes leben zu retten, vermogten etwas bey diesen gaͤnzlich verstockten auszu⸗ richten; sie erklaͤrten vielmehr dem Tito selbst mit untermengter verschmaͤhung, daß sie lieber ster⸗ ben, als sich ergeben wollten, und beriefen sich dabey frech auf den schutz Gottes, dessen veraͤchter sie doch waren. ö Die fortsetzung ihrer verzweif⸗

lungsvollen gegenwehr noͤthigt endlich den Titus, die stadt mit ei⸗ ner mauer voͤllig einzuschliessen. Hiedurch ward dasjenige aufs ge⸗ naueste erfuͤllet, was Christus vor⸗ her geweissaget, und die erschreck⸗ lichste hungers-noth, nebst al⸗ lem damit verbundenen aͤussersten elend nahm nun voͤllig uͤberhand. Ausgezehrte menschen suchten bey tausenden vergeblich ihre erhaltung. Die bewaffneten raͤuber fielen in die haͤuser, be⸗ maͤchtigten sich aller nahrungs mittel, und quaͤlten mit den ent⸗ setzlichsten martern alle und jede, auf welche nuͤr der verdacht eini ger verbergung fiel. Die eltern rissen ihren kindern, und diese ih⸗ ren eltern und geschwistern den lezten bissen aus dem munde. Vie⸗ le, die diesem jammer durch die flucht zu den Roͤmern zu entrinnen suchten, wurden von den soldaten in der vermuthung, daß sie Gold verschlungen, lebendig aufge schnitten. Man suchte durch die unnatuͤrlichsten mittel die stillung des hungers, und eine bemittelte mutter, die durch diese plage zur aussersten verzweifelung gebracht war, schlachtete und kochte ihr ei⸗ genes kind, und bot, da sie einen theil desselben verzehret, den grau⸗ samen kriegesknechten die andere haͤlfte dar. Alle strassen waren mit leichen bedeckt, und das sterben war so haͤufig,daß vom 14ten Aprik bis zum ersten Julius 11588o lei⸗ chen zu einem thore hinaus ge⸗ bracht, undoooooo uͤber die mauer geworfen wurden. Titus ward durch diese erschrecklichen umstaͤn⸗ de aͤusserst geruͤhrt, und bezeugte mit gen himmel gehobenen haͤn⸗ den, daß er an diesen unnatuͤr⸗ lichen grausamkeiten unschuldig sey, und solche unerhoͤrte greuel! unter den truͤmmern der stadt be⸗ graben werden muͤßten.

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