strengen Asthetiker und Musiker bedenklich erscheint: die Hauptsache ist und bleibt doch
der mit dem praktischen Gebrauche zu erhoffende Erbauungssegen für die ver⸗ schiedenen Sängerkreise.
Was nun die Melodien angeht, so bedarf es keines Beweises, daß gerade durch die volkstümlichen, teils schon bekannten, teils bald bekannt gewordenen Weisen die Lieder, wie einst in den Zeiten der Reformation, in die Herzen hineingesungen und ⸗gedrungen sind. Ja, ich behaupte, daß manche unserer beliebtesten geistlichen Lieder, wenn man die mit ihnen gleichsam verwachsenen Weisen ihnen abstreifen wollte, schließlich selbst verschwinden würden. Ich nehme nur ein Beispiel. Das Lied„Laßt mich gehn“ hat in Zahns„Melodien“(I, S. 494 f.) außer der auch in unserer Sammlung stehenden noch sieben Weisen, welche die unserm Liede ursprünglich bei⸗ gegebene Melodie von Voigtländer ersetzen oder gar verdrängen sollten. Und die Folge? Im Westen unsers Vaterlandes, wo ich geboren und groß geworden bin, wie im Osten, wo ich jetzt wohne, und gewiß auch im Norden und im Süden, wie wenig⸗ stens die dortzulande gebrauchten geistlichen Liedersammlungen mich belehrt haben, singt man das Lied durchgängig nach der Weise, mit der es der körperlich blinde, aber von innerlichem Lichte erfüllte Organist an der Berliner Bethlehemskirche vor mehr denn 45 Jahren geschmückt hat. Ein Zeichen, daß diese Melodie im Volke mehr „Anklang“ gefunden hat als die übrigen„kirchlichen“ Weisen, über deren Wert man doch sehr geteilter Ansicht sein kann; mag nun auch die Voigtländersche Weise vom strengen Standpunkte des Kirchen musikers aus eine„sentimentale Leier“ sein,„passend für pietistische Konventikel“(Zahn a. a. O.).— Anstatt also solche einmal tief ins Volk eingedrungene und„volksmündig“!) gewordene Weisen mit Stumpf und Stiel ausrotten zu wollen und dadurch nur Argernis zu erregen, sollte man lieber von zwei Übeln das kleinere wählen und die Lieder mit ihren Melodien ruhig von denen singen lassen, die sie gern singen. Und derer sind denn doch nicht bloß in„pietistischen“ Kreisen zu finden, sondern auch in ernsten Christenhäusern und kirchlichen Gemein⸗ schaften. Auch sollte man, denke ich, gerade in unserer Zeit, die alle Zeichen des Abfalls von Gott und seinem Evangelium an der Stirn trägt, kein Mittel unbeachtet lassen, um den Glauben der Väter im Volke zu stärken und zu wecken. Mit Macht— worten wird auch hier gar nichts geholfen; es gilt praktisches Christentum zu treiben, soll das liebe Bibelwort wieder eine treibende Kraft, ein Sauerteig werden, der die Massen durchdringe. Und als eines der Mittel dazu betrachte ich auch das so arg gescholtene geistliche Volkslied, welches im Gegensatze zu den meist zweideutigen und häufig garstigen weltlichen Liedern die Liebe zum Heilande, wenn auch oft in unvollkommener und ungelenker Form, predigt und singt. Also„verdirb es nicht, denn es ist ein Segen drinnen!“
Ein anderes ist es freilich mit den sog. englischen Liedern, die in unserm deutschen Liedergarten schon manche edle Blüte überwuchert haben, und„deren Musik
) Vergl. Schilling,„Enzyklopädie der gesamten musikalischen Wissenschaften.“ IV. Bd., Stuttgart 1837, S. 386.


