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Vierstimmiges Choralbuch für evangelische Kirchen : mit besonderen Rücksicht auf die in der Provinz Brandenburg gangbaren Gesangbücher bearbeitet : nebst einem Anhang historischer Notizen / in Gemeinschaft mit dem Seminarlehrern Ernst Ebeling und Franz Petreins herausgegeben von Ludwig Erk
Entstehung
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IV

Grobhen Hinsichtlich der neueren Melodieform, im Gegensatz zu der alten sogen. rhythmischen Form, sei be iuidz merkt, daß ich jene mit Rücksicht auf Gemeindegesang für die zweckmäßigere, weil einfacher und volksthüm ö Rachr licher, erachte. Da in neuester Zeit so sehr viel über die Vortrefflichkeit des rhythmischen Choralgesanges, Mttie u in seiner Eigenschaft als Gemeindegesang, geredet und geschrieben wird, so dürfte es wohl an der Zeit 6 N sein, auch einmal die seit der 2. Hälfte des 17. Jahrh. bis zur Gegenwart, mit Rücksicht auf die Ver Mheel einfachung der Melodieform eingetretene Umgestaltung ins Auge zu fassen; denn zu einer solchen Umge ö huupe staltung mußte meiner Meinung nach das Wesen des wahren Volksgesanges nothwendig führen. e Ih Und es scheint mir, als trage unsere jetzige Form noch Leben genug in sich, um der ältern Form in 1h Hn vielen Stücken die Spitze zu bieten. So viel ich mich auch nach Leistungen, die ein günstiges Zeugniß e von der Pflege der älteren Choralform ablegen sollen, umgesehen habe: Früchte sind's nicht gerade R gewesen, von denen sich sagen ließe, daß sie des dem Alten gespendeten Lobes vollkommen würdig Hiche wären. Wenn überhaupt das schon Kunst heißen soll, sogen. rhythmische Choräle von ganz ungeübten Aummen Sängern, wie es nun einmal die Gemeindeglieder der Mehrzahl nach sind, rhythmisch und auch ander pahe weitig möglichst verunstaltet produciert zu hören, dann muß ich sagen, daß es mit solcher Kunst nicht ö 0 weit her ist und daß es noth thut, davon abzulassen, um sich der mehr erquicklichen neueren Form nn U zuzuwenden. Hingegen werden solche rhythmische Choralgesänge, sofern sie von einem geübten 30 Sängerchor(wie das auch früher Regel gewesen), nicht aber von der Gemeinde vorgetragen werden, W185, nach wie vor ihren Werth behaupten; und bin ich der Meinung, daß sie unter dieser Voraussetzung ͤiht in Kirchen nicht genug gepflegt werden können. Auch ich habe für ihre Erweckung und Wieder i belebung zu wirken gesucht, wie sowohl aus meiner mit Dr. F. Filitz herausgegebenen Samm 55 lung von Choralsätzen des 16. u. 17. Jahrhunderts, wie auch aus meiner»Siona(Essen, bei 100. Bädeker) zur Genüge mag ersehen werden. Dem künstlerischen Werthe dieser Choralsätze soll also 50 keineswegs durch vorstehendes Urtheil zu nahe getreten sein; ich möchte hier nur gesagt haben, daß 1. man vor den herrlichen Tonsätzen aus klassischer Vorzeit wenigstens so viel Achtung bewahre, um sie ö dil nicht durch jede beliebige ungebildete Sängerkehle in den Staub ziehen zu lassen. 5. In Betreff der harmonischen Bearbeitung der Choräle, die hier durchgehends eine neue ist, 4 bin ich bemüht gewesen, mir für diesen Zweck die Werke klassischer Meister möglichst zum Muster zu nehmen, nne ohne mich gerade deshalb meiner eigenen Ansichten und Grundsätze, wie sie sich mir aus vieljährigem innfiů Studium der Choralliteratur ergeben, zu bescheiden. Vor allen war mein Bestreben darauf gerichtet, bol 5 im Choralsatze den Orgelstil mit dem Gesangstil möglichst auszugleichen und besonders jenen nicht zu aa sehr über diesen dominieren zu lassen, was, wie die Erfahrung lehrt, nicht immer der Fall ist. Denn, dhds wenn Singen und Spielen sich mit einander vertragen sollen, so sind der Composition gewisse Gränzen uih zu ziehen, über die hinaus nicht gegangen werden darf. Für die edlere Haltung des Chorals wollen 0 fin namentlich die Harmonien sorgfältig gewählt und vorsichtig gegen einander abgewogen sein; es soll nltg darin ein natürlicher Fluß herrschen; der Schwerpunkt der Composition soll durch übel verwerthete ehn modulatorische Künste nicht verrückt werden; ganz besonders aber soll der Choral nicht den Tummel. Neuko, platz abgeben für unnütze Generalbaßkünsteleien(20 30 Bässe unter ein und dieselbe Melodie, Iat wovon oft kaum Einer der geeignete ist ꝛc.). Gern würde ich mit Rücksicht auf größere Einfachheit der ueg Harmonisierung noch ein Mehreres angestrebt haben, wenn ich nicht hätte befürchten müssen, zu sehr vom jetzigen Zeitgeschmack ich meine hier nur den edlern eines Hayden oder M ozart abzuweichen. Wnng Mit Vorliebe habe ich mich bei meiner Arbeit der Choralbücher eines Seb. Bach, Kühnau, wuhi Hiller, Kittel, Umbreit, Schicht, M. G. Fischer, Rinck, Fr. Schneider, Filitz, dbinez um nicht noch Andere zu nennen, bedient; vor allen aber waren es die Werke älterer Meister, wie Goudimel, Cccard, Calbisius, Haßler, Mich. Prätorius, Gesius, Vulpius, fife Franck, Schein, Scheidt, Crüger, Vopelius u. s.w., die ich besonders wegen ihrer feinen Ir hal tonartlichen und modulatorischen Behandlung der Choräle nicht wenig zu Rathe gezogen. Eine solche gechng

Benutzung der ältern Choralsätze könnte, wenn sie öfter vorkäme, für den Fortschritt unserer Choral unme literatur nur von großem Vortheil sein und namentlich würde die Wissenschaft von der Behandlung h E. der alten Tonarten und was damit zusammenhängt, nur gewinnen; denn nur zu oft haben in unsern äsmal Choralbüchern die beliebten Ueberschriften: jonisch, dorisch, phrygisch u. s. w., nicht mehr zu besagen, als Leblsn, wenn man an deren Stelle irgend welches andere nichtssagende Prädicat gesetzt hätte. Im Uebrigen n ist die Harmonisierung der einzelnen Choräle so gehalten, daß sie nicht bloß Einer, sondern allen 110 wag