Druckschrift 
Vierstimmiges Choralbuch für evangelische Kirchen : mit besonderen Rücksicht auf die in der Provinz Brandenburg gangbaren Gesangbücher bearbeitet : nebst einem Anhang historischer Notizen / in Gemeinschaft mit dem Seminarlehrern Ernst Ebeling und Franz Petreins herausgegeben von Ludwig Erk
Entstehung
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vorrede.

Das vorliegende Choralbuch hat zum Zweck, sich den in der Provinz Brandenburg heimischen Gesangbüchern, besonders aber demGesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauch für evangelische Gemeinen(Achte, mit einem Anhange vermehrte Aufl. Berlin, 1853.) anzuschließen. Hiernach be stimmte sich die Auswahl und Anzahl der aufzunehmenden Melodien. Weniger als das gebotene Minimum von Melodien konnten wir nicht geben; wohl aber schien es rathsam, um noch einzelne der werthvolleren Choräle mit heranzuziehen, über die gegebene Zahl hinauszugehen, was denn auch im Interesse der größern Verbreitung unsers Choralbuchs, dem wir damit den Eingang auch in andere Gegenden Deutschlands ermöglichen wollten, geschehen ist. Für den Zweck eines mehr allgemeinen, umfassenderen Choralbuchs würde sich natürlich der ganze Inhalt um Vieles anders, als eben hier, gestaltet haben; es hätte alsdann vor allen eine Beschränkung der weniger werthvollen Melodien, wie andererseits eine nicht unbedeutende Erweiterung des vorliegenden Melodienvorraths eintreten müssen. Um jedoch schon mit vorliegendem Werke eine allgemeinere Verbreitung anzu bahnen, sind hier den von der Originalform stark abweichenden Melodien sowohl die ursprünglichen Lesarten, wie auch die werthvolleren Varianten beigefügt worden, und es bleibt daher nur zu wünschen, daß einsichtige Organisten, je nachdem es ihre Verhältnisse gestatten, davon das auswählen, was der Allgemeinheit frommt. Sollten demnach gewisse Melodien nur schwach oder auch gar nicht mehr in der Erinnerung einer Gemeinde fortleben, so kann die Entscheidung zwischen der Orginal und späteren Form nicht schwer fallen. Vorsichtiger jedoch muß verfahren werden, wenn die Melodien zu den noch nicht ganz vergessenen gehören. Immerhin aber verlangt der Fortschritt, daß sich die Leiter des Kirchen gesangs in dieser Beziehung nicht lau und indifferent zeigen. Denndamit das Bessere künftig einmal hergebracht werde, hat man es zuvor zu beginnen. Zum Glück für diesen Fortschritt gehören die Kühnauschen Melodieformen, worauf sich die meisten Choralbücher mit dem unsrigen stützen, nicht gerade zu den ganz verfehlten und schlechten, eben weil sich dieselben großentheils an die guten Joh. Crügerschen Lesarten anschließen. Weniger jedoch ist an dem Kühnauschen Choralbuche die theils vom Verf. selbst, theils von J. B. König(1738) und dessen Zeitgenossen herrührende Ueber⸗ tragung der ältern Melodieform aus dem Darmstädter und Halleschen Gesangbuche(1698 u. 1704) in die einfachere Form der Neuzeit zu loben; denn diese Uebertragung zeigt nicht immer von gehörigem musikalischen Geschick und von nöthiger Einsicht in die Gesetze einer feinen und gesunden Melodik. Nur zu oft ist durch die Umwandlung der guten ursprünglichen Melodieform ein steifes, eckiges und ungefügiges Wesen in dieselbe gekommen, welches sich eben der allzulangen Gewöhnung wegen meist nur mit Mühe wieder beseitigen läßt. Es bleibt demnach für die Zukunft noch gar Vieles zu regeln und zu bessern übrig. Dem Sachkenner wird es nicht entgehen, aus einzelnen Chorälen wahrzunehmen, wie sehr sich die Harmonisierung hat winden und quälen müssen, um über gewisse Melodiengänge, die an dem Fehler unnatürlicher Undulation leiden, mit einigem Geschick hinweg⸗ zukommen, was Alles nicht nöthig gewesen, wenn die Melodie stets der Originalform treu geblieben wäre. In einem demnächst erscheinenden Werke, welches die bekannteren und werthvolleren Choral melodien der evangelischen Kirche nach ihrer Originalform bringen soll, werde ich Gelegenheit nehmen, den Werth oder Unwerth der neueren und auch der älteren Melodieformen, sowie deren Varianten umständlich zu besprechen und kritisch zu beleuchten; und dies wird um so dringender geboten, weil wohl in keinem Zweige der edlen Gesangskunst ein so hoher Grad melodischen Unfugs vorliegt, als auf dem Gebiete des Chorals.

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