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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Därmen und in den Herzen, war ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, der Zug zur Wolga konnte nicht als Vergangenheit gelten und war auch kein Grund für eine Zukunft, das Volk war fertig, war ausgeglüht, war Asche.

Diese Straße der Hoffnungslosigkeit õffnete einen Durchlaß. Ein Auto hupte, und die Gestalten mit zerschlissener Decke über dem Arm, mit leeren Händen, ohne Wegzehrung, traten auf die Seite. Das Auto kam aus derselben Richtung, aus der der Zug der Stabsoffiziere gekommen war, es kam vomPlatz der Gefallenen her. Es war ein geschlossener Wagen, doch die Fenster waren blank, und die Gesichter draußen zogen vorbei wie Rauch, ein Rauchstreif an der einen und ein Rauchstreif an der anderen Seite. Auch jene an der Straßenecke aufgestellte Gulaschkanone, die wie auf einem Fladen von Gesichtern, verdrehten Köpfen, ausgereckten Armen zu schwimmen schien, war zu schen, en Momentbild in dem grauen Menschen- meer. DerT 34*, aus einer Balka und aus Nebel aufsteigend und bis zum Luken- deckel bespritzt, war ein anderes Momentbild. Ein etwas rückwãrtig gelegener Schup- pen mit einer auf dem Pach versammelten und etwas sonderbar anmutenden eksta- tischen Gesellschaft war ein drittes zurückbleibendes Bild. Vorn im Wagen saßen zwei Rotarmisten, hinten in der Kabine saß ein russischer Kommandeur, daneben ein Mann von hoher Gestalt, das Gesicht wie von einer Denkmünze, und es war eine Minute, in der auch die linke Gesichtshälfte Gonst wie der Wurmfraß an einem schönen und wohlgeformten Apfel) in Ruhe blieb, so schwer war die Last gewesen, die von diesem Manne abgefallen war, und so ledig fühlte er sich in diesem vorbei- eilenden Augenblick der Bürde.

Da waren die Gesichter der vorbeitreibenden Soldaten, die ohne einen letzten Armee- befehl, ohne ein Abschiedswort, ohne einen Dank geblieben waren, und diese ge- Schlagenen Haufen waren kein Thema für eine Konversation. Da war die Gesell- schaft auf dem Pach, und der Mann in dem geschlossenen Wagen wußte von Ruhr und Flecktyphus und Hungerparalyse, das hatte ihm Zahlenmäßig vorgelegen; aber daß Abfalleimer der Operationsrãume beraubt und die Abfallgruben der Chirurgen geõffnet und geleert und der Inhalt gegessen worden war, dafür hatte es keine Rubrik in den Zustandsberichten gegeben, das hatte ihum nicht vorgelegen, und so hatte er kaum eine Vorstellung davon, daß seine Armee in diesem Moment einen Zustand erreicht hatte, wo ein einziges Wort(wenn es dazu noch verborgene Lebensmittel versprach) Wahnvorstellungen erwecken konnte und Dutzende und Hunderte in einen aktiven Wahnsinn hineinzutreiben vermochte. So war er selbst ohne Erklärung für das sonderbare und eifrige Gehabe der Männer da auf dem Schuppendach. Daß es Tote waren, die heruntergerollt wurden, das sah er allerdings, daß sich aber unter diesen hinabgestürzten und marionettenhaft Steifen Bündeln auch Verwundete befanden, dafür reichte die Vorstellung schon nicht mehr aus, das war võllig jenseitig, und jedenfalls konnte auch diese vorbeizichende und zurückbleibende schreiende und gestikulierende und überaus seltsame Dachgesellschaft keinen Anlaß bieten für eine Umterhaltung zwischen dem gefangengenommenen deutschen Feldmarschall

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