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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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und dem begleitenden hõheren russischen Offiier. Da war derT 34 und gewiß, dieser russische Tank wird ebenso wie die russische MP, wie die deutsche Messer- schmitt, wie das tschechischeBren-MG einmal als das Hõchste und das Bleibende seiner Art aus diesem Kriege hervorgehen; aber auch das war kein geeigneter Gegen- Stand und hãtte das Gesprãch unweigerlich auf zu vermeidendes militãrisches Gebiet gelenkt.

Und da war das Thema(ein Rotarmist wickelte einem deutschen Landser eine Zigarette), der russische Soldatentabak Machorka!Das hat mich schon immer imteressiert, Herr Polkownik, sagte der eldmarschall.Der russische Soldaten- tabak, dieser sogenannte Machorka, enthält dieser Tabak eigentlich ebenso wie der echte Tabak Nikotin?Unsere Soldaten rauchen ihn jedenfalls bevorzugt, Herr Feldmarschall, und sie geben ihn für den echten Tabak nicht her. Meines Wissens nach ist er auch nikorinhaltig!Gewiß, das muß er wohl sein, wo käme wohl Sonst die angenehune Erregung, das Gefühl allgemeinen Wohlbefindens her, das der Machorkagenuß doch offensichtlich ebenso eingibt. Wie sehen übrigens die Pflanzen aus, Herr Polkownik?

Es war ein ergiebiges und weit ausspinnbares Thema.

Draußen vor dem Fenster Soldaten, immer neue Haufen Soldaten, Zerschlissene Uniformen, ausgebrannte Gesichter, an Stöcken humpelnd, die Füße mit Sack- fetzen umwickelt, voraus der Weg durch Schnee. Kein Quartiermeister, keine Ver- sorgungstruppe hat ein noch so dürftiges Strohlager bereitet. Keiner hat daran ge- dacht und in ihrer Armee hat nur die Ordnungstruppe mit der Feldgendarmerie und die Abteilung III mit den Kriegsrichtern bis zur letzten Minute funktioniert. Und der Feldmarschall fãhrt vorbei und unterhält sich über eine Krautpflanze mit quirlfõrmig abstehenden Blättern.

Nicht derFührer, der ist weit weg⸗ hat die grauen Haufen der Soldaten vor Augen, die geschlagener und elender sind als die geschlagenen und elenden Grenadiere von Kolin und Kunersdorf, und nicht dieserFührer, der ist der Mann am langen Hebelarm(und noch dazu ein vorgeschobenes Individuum), der Oberbefehlshaber der Armee, die in ihrer Einkesselung und ihrem Abgesplittertsein ebenso auf sich selbst angewiesen war, wie ein alleinfahrendes Schiff, war der Vollstrecker des Unter- gangsbefehls; und nicht so sehr der Chef der Armee, der ist in Seiner Ungeschlacht- heit leicht genug zu erklären und als Nazi im Gefüge des preußischen Großen Gene- ralstabs ist er nichts als episodische Figur, eine Versuchsform gewissermaßen, die sich schon nach knapp zehn Jahren als nich lebensfãhig erwiesen hat, nicht der wilde Nazigeneral, Sondern der Mann von hoher Figur mit dem kameenhaft ge- Schnittenen Gesicht, der einen persõnlichen Weg durch zwei Kriege und eine Tradi- tion zurück bis Kolin und Kunersdorf und auch bis Roßbach und Leuthen ver- kõrpert und der bereits einen dritten Weltkrieg aufdammen Sieht, war hier der Bürge für die Konsequen? auch im Wahnsinn, und er war es, der dem Urteil erst das von weit hergeholte geschichtliche Geprãge gegeben hat.

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