es gut, gleich zur Hand zu sein. Aber der Keller wurde geräumt, und es nutzte ihm nichts, daß er sich am„Räumen“ beteiligte. Die Feldgendarmen, die die Männer die Treppe hochpreßten, warfen auch ihn mit hinaus. Aber immerhin konnte Lawkow die Treppe vermeiden und auf den Gang entschlüpfen, und so schweifte er durch die Kellerräume. Von„Schweifen“ konnte indessen, um es genau zu sagen, keine Rede sein. Er stieg über lang ausgestreckte und an den Wänden hockende Körper hinweg, zwängte sich durch überfüllte Räume und arbeitete sich Schritt um Schritt weiter.
Es waren große Kellerräume, Höhle war da an Höhle. Und was war da nicht alles zusammengekommen. Da waren Versprengte, da waren Offziere und Soldaten, da waren Kroaten und Italiener, da waren Fahrer und Beifahrer und Pferdepfleger und Marodeure und Bautruppen, Leute ohne jede Führung. Da war auch kämp- fende Truppe, die hier ihre Quartiere und mit MGs gespickte Unterstände hatte. Da war auch noch die von der Ortskommandantur nachgelassene Feldgendarmerie- abteilung. Da waren Holländer und Wallonen. Ein Kerl mit großflächigen Backen und mit grauen Nebelaugen sprach Lawkow in sonderbar Klingendem Deutsch an und wollte von ihm wissen, ob jetzt, wo es doch hier Lazarett geworden sei, auch sicherlich kapituliert würde, und ob es nicht schon begänne. Und es wurde ge- Schossen, und man wußte nicht, aus dem Kellerfenster heraus oder auf der Straße oder waren es Schüsse von Selbstmördern. Da waren auch Kranke und unter ihnen Ruhrkranke, die ihre Geschäfte an Ort und Stelle erledigten und die so Schwach waren, daß sie nicht auf den Füßen stehen konnten. Offiziere hockten dazwischen oder stakten über die Kranken weg, und da diese Offiziere Tage vorher noch in Stäben gesessen und bisher nicht geschen hatten, wie ruhrkranke Soldaten sterben, waren sie empört über das„Schamlose Treiben“. Aber was suchten sie hier— wie jener Holländer warteten sie darauf, daß kapituliert würde, und sie wollten dabei sein. Auch ein General war da, ein Artilleriekommandeur ohne jede Begleitung. Er war da aus dem gleichen Grunde wie auch die andern, und er beanspruchte für sich allein einen Kellerraum. Dieser Raum aber wurde ihm streitig gemacht. Eine Schar müder und mit Binden und Fetzen umwickelter Männer schwemmte in den Raum hinein und nahm ihn im Nu in Besitz. Zwischen den grauen Front- gestalten, die sich auf einer Bank, an den Wänden, auf dem Boden niederließen, Sah Lawkow den Mann in langer Hose und roten Streifen, Sah er dessen gedunsenes Gesicht und hörte er hastige Worte. Aber das war kein herrischer Befehl. Die Männer waren da, und sie waren nichts anderes als ein zäher Lehmbrei; man kann hinein- fassen, und der Brei bewegt sich nicht. Der General sank auf seinen Stuhl zurück und resignierte. Er schien sich mit dem Einbruch abzufinden, zufrieden, daß er überhaupt da sein durfte.
Ein paar Landser umdrängten einen Hauptmann.
„Herr Hauptmann, bei uns sitzt ein Oberleutnam. Der sitzt da schon acht Tage, hat uns schon zum drittenmal die Verpflegung geklaut!“
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