Sanitãter, die vorn und hinten seine Trage anhoben und ihn ein Stück weiter ab- stellten. Das wiederholte sich einige Male. Hinter ihm wuchs die Reihe ins End- lose, und er rückte allmãhlich weiter vor. Der Gang war sehr lang, es war stock- finster und hundekalt. Irgendwo mußten Türen offenstehen, und Leutnant Loose verlangte, daß die Türen geschlossen würden. Aber es blieb alles wie es war, es blieb finster und kalt, und es war nicht anders, als ob der Wind des freien Feldes durch den Gang heulte. Das einzige, was an ihm geschah, daß er immer wieder um einen oder um einige Plãtze vorrückte. Die vor und nach ihm lagen, konnte er nicht schen. Er hörte Rufen, hörte auch Schreie, die meisten lagen da in starrem Schweigen. Irgendwo wurde geschossen, das vernahm er auch. Er rückte wieder vor und plõtzlich erblickte er das Ende des Ganges. Da war keine Tür, da ging es nirgends hin, in keinen Operationsraum. Da war keine Tür, und da war kein Fenster, da war ein Geviert, so hoch und so breit wie der Gang; hinter und in diesem Geviert war nichts als der Himmel. Und der Himmel mit seiner Kälte brauste durch den Gang. Wo waren die Männer geblieben, die vor ihm aufgerückt waren? Jetzt erst fiel ihm ein, daß die Träger laufend mit leeren Tragen zurückgekommen waren. Da vorn war doch nichts als das Loch ohne Fensterbrüstung und der Himmel mit den blinkenden Sternen, wo waren sie also geblieben? Leutnant Loose war nicht bewußtlos, war auch nicht apathisch wie die meisten, die hier lagen. Er war noch vor einigen Stunden am ,Tatarenwall“ gewesen und über den Flugplatz ge- kommen. Sein Bein war zerschmettert, und er konnte sich nicht bewegen. Sonst war er ein gesunder Mensch mit kreisendem Blut und mit intakten Merven. Hier lag er, noch zwanzig oder dreißig Mann, schätzte er, lagen vor ihm. Er verlangte jetzt:„Nehmen Sie mich hier weg. Bringen Sie mich zum Arzt oder bringen Sie mich in einen anderen Raum! Hier bleibe ich nicht!“ Die Träger rückten ihn wieder einen Platz vor und verschwanden wieder in der Finsternis. Und er war gebunden, sein zerschlagenes Bein schmiedete ihn an die Stelle. Der Himmel und der heulende Wind, und es war kalt, seine Nase und seine Finger waren wie Eis. Und da war die Angst und die wurde übermãchtig. Leutnant Loose begann zu brül- len. Es waren so starke Schreie und so weithin gellend, daß zu andern Zeiten Stabsarzt und Oberstabsarzt und das ganze Haus zusammengelaufen wären. Jetzt war die Stimme nur eine in einem schreienden Turm, und es geschah nichts. Leutnant Lawkow war ebenfalls in das Haus hineingelangt.
Die Feldkũche suchte er. Die fand er in einem Keller. Trauben von Soldaten hingen an der Kellertreppe, da mußte er vorbei. Er war klein und wendig, auf ein grobes Wort wußte er ein noch groberes, so kam er bis an die Gulaschkanone heran. Er erhielt ein Eßgeschirr voll heißen Wassers, die einzige Nahrung, die zu erhalten
war und die seit Tagen hier ausgegeben wurde. Lawkow füllte sich das heiße Wasser
in den Bauch. Und da wäre er sitzengeblieben in der Nähe der Gulaschkanone. Erstens wegen der Wärme, und überhaupt wäre es der beste Beobachtungsposten, denn man konnte ja nicht wissen, falls sich doch noch irgend was entwickelte, war
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