Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen

steckende zerschmetterte Arm, der gebrochene Knochen, die wunde Seite auch Schmerzte, daß man aufheulen mußte, man drängte sich durch und gelangte schließ- lich ins Innere des Hauses, und gelangte, wenn auch zunächst nicht weiter, doch bis ins Treppenhaus.

So weit war Leutnant Lawkow gelangt.

So weit war auch Major Buchner mit seinem Leutnant Loose gelangt. Major Buchner allerdings diängte sich weiter. Wenn er sich auch nicht bis zu einem Arzt durch- arbeiten konnte, einen Sanitätsfeldwebel traf er, und den brachte er mit. Er über- zeugte sich davon, daß der Feldwebel seinen Leutnant abtragen ließ, danach erst ging er wieder weg. Erst draußen unter dem Himmel und in der kalten Luft hörte er das Kreischen, das im Innern des Hauses so betäubend und so fremdartig war, daß man nicht verstehen und sich auch nicht erklären konnte, wo man sich eigentlich befand. Waren das noch menschliche Stimmen, oder waren es gefangene große Võgel, die da Käfig über Käfig, drei Etagen hoch und in drei Gebãudeflügeln, übereinanderhockten, gegen Wände und Decken flatterten, in dunklen Klumpen zurückfielen, mit blutenden Schnäbeln und zerbrochenen Schwingen, und nun Töne ausstießen, wilde, unverständliche. Was war das, war es ein ganzer Turm voll sterbender Võgel, war es ein Stall, und Stall über Stall, voll verbrennender Pferde, schnaubend und an Ketten reißend, und dröhnend zusammenbrechend, waren das tausend Menschen, konnten das Menschen sein? Als Buchner wieder draußen auf der Straße bei seiner Truppe anlangte, das Kreischen und Flattern und Stampfen noch immer in seinen Ohren, und der im Sternenlicht flimmernde Haufen, an dem er eben vorbeigeschritten war, noch immer vor seinen Augen war, da wußte er: es war der Tod. Und dieses Wissen im Herzen war er, keinen Schritt schneller und keinen Schritt langsamer, und des Granatwerferfeuers und auch des Feuers aus Salvengeschũtzen nicht achtend, stumm seinem Trupp vorausgeschritten, bis hin zur Dampfmühle.

Leutnant Loose wurde hineingetragen. Eine ärztliche Umersuchung war nicht von- nõten. Es gab in diesem Hause nur zwei Kategorien von Kranken und Verwun- deten, gehfähige und solche, die nicht mehr gehen konnten. Und um zu beurteilen, zu welcher Kategorie ein Eingelieferter gehörte, genügte der Feldwebel. Wenn noch dazu wie in dem Fall des Leutnants Loose die von dem Splitter zerfetzte Hose und das um das Bein gedrehte Hemd ein einziger Blutfetzen war, machte die Ent- scheidung kein Kopfzerbrechen. Der Feldwebel sagte:Der kommt auf den Gang! Die Träger trugen ihn dorthin und stellten ihn am hinteren Ende der Reihe ab. Leutnant Loose, obwohl er den Krieg mitgemacht und in Löchern und im Dreck gelegen und sich an einen rauhen Soldatenton gewöhnt hatte, war noch immer ein wohlerzogener junger Mann. Und als solcher wartete er zuerst. Als es lange dauerte, fragte er einen Sanitäter, wann er dem Arzt vorgeführt werden würde. Der Sani- täter wußte es nicht. Noch eine Weile später verlangte er, einen Arzt zu sehen. Weder kam ein Arzt, noch wurde er zu einem Arzt gebracht. Es kamen nur zwei

336