gehen mußte, und der auch schon die Blicke des Oberstabsar?tes und seiner Ver- wundetenkolonne auf᷑ sich gezogen hatte, war nur noch an einzelnen ragenden Teilen und an Seltsamen Verkrũmmungen als das zu erkennen, was er in Wirklichkeit war. Dieser Haufen, übereinandergeworfen und mannhoch, z0g sich von der Durch- fahrt bis zur Hofecke und von der Ecke bis zur Tür des Seitenflügels, und hinter der Tür begann er wieder und z0g sich weiter. Das Haus, so lang es war, war von einem Leichenwall umgeben.
Oberstabsarzt Simmering war stehengeblieben.
Die Verwundeten, die er anführte, soweit sie sich nicht noch in der Durchfahrt und auf der Straße befanden, waren stehengeblieben. Ohne Kommando, eine Linksum- Bewegung, ein langes Stillgestanden, mit hängenden Armen, mit Köpfen und Augen, die sich abkehren wollten und doch nicht konnten, die genau eine gespreizte Hand betrachten mußten, ein gekrümmtes Bein, einen geplatzten Hals, weiße Zähne in einem aufgerissenen Mund, diesen ganzen weggeworfenen Haufen, so standen sie da, die Gesammelten in stummer Front denen gegenüber, die gestern gesammelt und gestern hier über den Hof weg einmarschiert waren.
„Aber erklären Sie mir, Unteroffizier..
So sprach Oberstabsarzt Simmering einen Sanitätsunteroffhier an, der mit noch einem Sanitäter einen Toten samt der Trage, auf der sie ihn aus dem Haus ge- bracht hatten, auf den Haufen hinaufreichte, wo er von zwei andern entgegen- genommen wurde.
„Ach, Herr Oberstabsarzt!“ erwiderte der Unteroffizier, dabei wedelte er mit der Hand. Es war eine hilflose Bewegung. Heißen sollte es: Halten Sie sich hier nur nicht auf, kommen Sie nur erst herein, und Sie werden keiner Erklärung mehr bedürfen! „Sah der Hof hier schon immer so aus, Unteroffhier?“
„Vor vier Tagen noch nicht, Herr Oberstabsarzt. Aber an eine Bestattung ist wegen Beschuß und wegen gefrorenen Bodens nicht zu denken. Wir hatten die Leichen drüben im Schuppen abgelegt. Der Schuppen ist voll bis unters Dach. Und dabei wird die Masse, die hier zusammenströmt, immer mehr. Die Sanitãtskompanie hat keine andere Arbeit, als die Toten heraustragen, und sie schafft es nicht mehr!“ So Sah es aus, als Oberstabsarzt Simmering ankam.
Als Leutnant Lawkow ankam, war er nur einer unter vielen, die einzeln hier ein- trafen, aus Stalingrader Balkas, aus Ruinenlõchern, von draußen aus der weiten Schneewüste, angewehte blaue Flocken. Vor diesem aufgetürmten wirren Haufen, auf dem wie Nebel Sternenlicht lag, bebten sie zurück. Aber wohin— zurück in die Lõcher, zurück in die Schneewüste? Dort hatte sie die Finsternis, hatte sie die Ver- lassenheit, hätte sie der Hunger aufgejagt. Hier war der von der„Armee “ bestimmte Ort; hier hoffte man, wenn auch sonst nichts, so doch eine Pferdesuppe zu erhalten. So ließ man den Haufen links liegen. Das war etwas anderes, und die da lagen, hatten Pech gehabt. Wer hier ankam, der bewegte sich noch auf eigenen Füßen und der hoffte noch. Man drängte sich an die Tür, und wenn der im ersten Verband
335


