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sprungs handelte. Er hatte den wie einen Truthahn aufgeblähten Chef und hatte in dem in grauem zerpulvertem Licht ruhenden langen Bassin die Herren sich auf und ab bewegen schen, darunter ganz seltene große Fische— Krzte, Veterinäre, Kriegsrichter im Generalsrang, Herren mit roten Generalsstreifen, mit goldenem, mit silbernem Achselgeflecht auf rotem, auf blauem, auf grünem, auf schwarzem Grund, Offiziere, Inspektoren, Räte, Beamte, Schreiber, dazwischen die Doggen- kõpfe der Feldgendarme, ein riesiger Apparat, der schon seit Wochen keine andere Leistung hervorbrachte als dieses eine Wort: Halten! Das Riesengehirn, die große Substanz der Armee, und diese Substanz macht krankhafte Verãnderungen durch, man kann die Deformation mit bloßem Auge erkennen und an einzelnen Zellen beobachten und in Variationen, als da sind Melancholie, Manie, Parancia, Hypo- chondrie, Raserei, Verstimmung, Ideenflucht, Urteilsschwäche und eine Reihe Unterarten des Wahnsinns und Blõdsinns. Dieses Armeezentrum schüttelte sich in Todeskrãmpfen, befand sich in Auflõsung, in voller Paralyse: das war die Diagnose des Arztes Viktor Huth, der hier hereingekommen war und zwanzig Minuten da geweilt hatte. Und am Grunde der Krankheit und des vorzeitigen Ablebens, auch zu dieser Feststellung gelangte Huth, stand das gehorsame und sklavische Aufgeben des freien Willens.
Huth blickte auf, vor ihm stand Carras. Er bemerkte jetzt erst, daß der Oberst grüne Augen hatte und daß ein grüner Schein auf dem ganzen Gesicht lag. Keine Halluzination, und das wãre ja so naheliegend gewesen. Was er sah, war die Kuße- rung einer Seelenstimmung. Es war das Gesicht einer Katze im tiefen Wasser, aber es war auch das Flackern eines unbedingt und trotz allem Am-Leben-bleiben- Wollens, und das war ein starker und gesunder Instinkt, dem der Arzt vertraute und dem er seine Sache anvertraute. Und seine Sache war gemessen an der Forderung der Stunde gering. Kapitulation der gesamten Armee wäre die gebieterische Forderung gewesen. Diese Forderung zu erheben, wußte er sich nicht groß genug. Aber die Kapitulation des Theaterkellers(noch dazu, da seit Tagen theoretisch das Zurück- lassen von Verwundeten schon vorgesehen war), die Kapitulation nicht nur in theoretischer Form, sondern in praktischer Durchführung, das war die Forderung, die er vertreten und verlangen wollte.
„Jawohl, Herr Oberst, ich bin ebenfalls bereit!“
Huth ging neben Carras her, durch die überbevölkerte Kellergasse. Der Vorhang wurde zurückgeschlagen. In Begleitung des Obersten Carras ließen die rechts und links des Vorhanges stehenden Feldgendarme auch den Oberarzt ohne weiteres Passieren. Er kam an einer Schreiberstube, an einer mit Sandsäcken verbarrika- dierten Treppe vorbei und gelangte vor die Tür zum Arbeitszimmer des Chefs des Generalstabs der Armee. Als Carras die Tür öffnete, dröhnten hinter ihm und jen- Seits des Vorhangs am anderen Ende der Kellerhöhle wieder schwere Granatwerfer- einschläge. Er durchschritt mit Carras das Vorzimmer und stand dem Chef der Armee gegenüber.
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