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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Beide zeigten die Zähne, beide lächelten. Der Nachrichtenführer sagte:Nun sind wir auch bei dem Gesellschaftsspiel angelangt: Gefangenschaft gehn erschießen? Gefangenschaft gehn erschießen? Nun, ich will erst mal was 2u essen beschaffen für meine Leute. Im übrigen heißt der Befehl: Bis zur letzten Patrone!

Der Chef ging vorbei. Beide blickten ihm nach, danach begegneten sich beider Blicke. Dieses Mal zeigten sie einander nicht die Zãhne und lãchelten sie auch nich. Dann sagte der Armeenachrichtenführer:

Stellen Sie sich vor, vorhin war ich bei ihm und meldete:Herr General, ich melde hiermit, daß die und die verschwunden sind! Natürlich war ich auf allerhand ge- faßt. Aber er reicht mir die Hand und Sagt: Wir können daran nun doch nichts mehr ändern! Wie soll man sich diese plõtzliche Weichheit erklären?

Ich glaube ihm nicht sein Brüllen und glaube ihm nicht seine zur Schau getragene große Ruhe! sagte Carras. Und das sagend und den Mann mit den langen Hosen und roten Generalsstreifen und in der Geste großartiger Ruhe davonschreiten schend, begriff er erst, das ist ja alles nur Tarnung.

Der Armeenachrichtenführer sagte:Der Mann ist meines Erachtens innerlich fertig!

Sagte es und ging davon. Carras blieb an der Stelle stehen. Er blickte durch den langen Höhlengang. Aus Türen herausfallendes graues Licht. Der Reigen von Ge- stalten, auf der Wanderung oder am Boden hockend. Meben dem Ausgang rechts ein Haufen Gewehrmunition und Handgranaten, links ein Haufen Minen. Der Motor des Keinen Bosch-Aggregates für die Funkstelle puffte und durchschwängerte die Luft mit blauem Dunst. Türen gingen auf. Ordonnanzen kamen heraus und drängten sich durch die Menge. Rufe der Feldgendarme und Erwiderungen:Weiter- gehen! Micht stehenbleiben! Schnauze halten! Wer war das? Wo wollen Sie hin? In die Regimentsgefechtsstelle! Was hocken Sie denn hier?Will zum Regimentsarzt!Los, los! Weiter! Wieder flog krachend eine Tür auf. Die vor dem Fenster des Zimmers aufgebauten Sandsäcke waren durch die Deto- nation einer Granate eingestürzt, und ein paar Mann mußten hinaus auf den Hof, um sie wieder aufzubauen, und für einen Moment fuhr Wind und Schnee durch das Zimmer und auf den Gang hinaus. Und wieder Rufe, wieder einstürzende Sand- sãcke. Und oben in der über dem Kellergewölbe gelegenen Hausruine Klirren und Dröhnen. Es war, als ob etwas Schweres hundert Treppenstufen herunterpolterte, und am Ende war es eine Detonation, ein krepierendes Geschoß eines schweren Werfers. An der Wand Gestalten, die auch das Spiel:Gefangenschaft gehn erschießen? hinter sich hatten und auch von den Einschlägen aus Werfern oben in der Hausruine und draußen auf dem Hof oder am Ende des langen Ganges nicht mehr berührt wurden. Sie saßen da in grenzenloser Apathie, hingen ihren Gedanken nach, oder sie dachten auch nichts mehr. Sie waren durchdrungen von der Sinn- losigkeit jeder Handlung, sei es der Dienst, sei es die Sorge um ihre Leute, um die Verwundeten in den Nachbarkellern. Sie saßen einfach da und konnten nicht mehr

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