geübten Praxis, daß da nichts an Empörung, an irgendeiner Art seelischen Auftriebs
mehr zu fürchten ist. Er weiß bereits, was ihm, dem Truppenführer, in dem plõtz- lichen Lächeln des Feldmarschalls erst aufgegangen ist. Der Mann ist völlig aus-
gebrannt, es ist nur noch Haut und Knochen, was da draußen zwischen den Schutt-
haufen liegt!
Oberst Carras war im OKH, war im Führerhauptquartier gewesen. Er hatte den „Führer“ gesehen, hatte einen Augenblick lang eine unangenehm leblose Hand drücken dürfen, und dafür soll er nun sein Leben hingeben, soll zu allen andern auch ein Oberst Carras hier im Schutt liegen. Es wird wieder Frühling werden, die Sonne wird wieder scheinen. Oberst Schuster wird nach wie vor an seinem Schreibtisch in der Personalabteilung des OKH sitzen und besonders heikle, besonders ehrenvolle Aufgaben verteilen. Auf der Straße wird er die Witwe Carras sehen, und die wird etwas blaß, aber sie wird in ihrer Blässe und in dem schwarzen Kleid fabelhaft elegant ausschen. Zur selben Stunde wird hier bei den Aufräumungs- arbeiten ein verstaubtes Skelett aus Trümmern herausgezogen und auf einen Karren und nachher in eine Balka auf den großen Haufen geschmissen werden. Und wenn du nach Peutschland kommst, so berichte, du habest uns hier liegen sehen.. Nee, danke, ganz und gar danke. Ja, wenn man da noch der Wandersmann hätte sein dürfen, wenn darin die besonders ehrenvolle Aufgabe bestanden hätte, das wäre ja etwas anderes gewesen.
Worin bestand denn diese seine besonders ehrenvolle Aufgabe eigenmtlich? Was war es anderes als das, was jeder dieser fünf Dutzend Finflieger hier zu tun hatte, zu erzählen: Wir haben da unterwegs so viele Truppen gesehen, in Schachty , in Mariu- Pol, in Rostow , Panzertruppen aus Afrika , Infanteriedivisionen aus Frankreich , aus Jugoslawien , aus Norwegen , weißangestrichene Panzer und solche Rohre, belgische Artilleriepferde und solche Arsche! Worin bestand seine Aufgabe anders, nur daß er hier im Armeestab saß und Generalen solche Flöhe ins Ohr zu setzen hatte. Aber da hätte man doch besser gleich den Paul Hörbiger oder die Cläre Waldoff in den Kessel schicken sollen, und die hätten dann ja von seinetwegen auch da liegen können. Nein, nicht die Waldoff, sondern Oberst Carras, ein Mensch von bekannten gesell- schaftlichen Qualitäten, der, auch wenn er mal schlechter Laune ist, seine Mit- menschen nichts davon merken läßt, war die gegebene Stimmungskanone, und der soll nun da liegen und soll einen echten Spartanertod sterben und noch immer und ganz richtig tot sein, auch wenn der unechte und dicke Leonidas in Berlin seinen falschen Spartaner- oder Nibelungenbart(der bringt ja alles durcheinander) schon wieder abgenommen und vergessen haben wird.
Die Sache war tatsächlich ernst, todernst!
Carras war draußen gewesen, war über den kreideweiß angeleuchteten Platz ge- laufen und hatte riskiert, von den niederprasselnden mit Broten und Würsten ge- füllten Bomben erschlagen zu werden. Er hatte nach dem Regiment Roske gesehen.
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