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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Ein Major stand da und hielt mit den blutenden kyberresten des Regiments den letzten Zugang zum Platz. Mindestens an einer Stelle saßen die Russen bereits bis auf᷑ vierhundert Meter am Armeestab. Das Granatwerferfeuer streute schon bis auf

den Hof. Und bei der Rückkehr hatte er auf dem Pflaster neben jenem Oberarzt

aus dem Theaterkeller gelegen. Matürlich, der Mann hatte recht, die weiße Fahne das wãre der Strich durch das in Berlin ausgedachte Fpos. Die Verwundeten dürfen nicht zugrunde gehen, das wäre doch völlig sinnlos! Der Tod des unverwundeten Carras wãre aber ebenfalls võ̃llig sinnlos! Er hat den Mann also mit hereingenommen. Er wird sich der Sache annehmen, wird die Sache auch zu Ende bringen, wird dann den Arzt zurückbegleiten in seinen Keller und die Kapitulation dort abwickeln helfen. Ja, so wird es gehen, so muß es gehen. Das ist das Licht in tiefster Nacht.

Carras hatte den Arzt zurückgelassen und war durch den Keller gelaufen, durch das Gedränge von Menschen, durch Schreibstuben, durch I A- und II A-Zimmer und war wieder zurückgekehrt zu seinem Lichtstreif, zu dem Doktor, und hatte ilum gesagt, daß man sich noch etwas gedulden müsse, daß alle in Frage kommenden Herren im Moment kolossalisch beschäftigt Seien. Und das waren sie tatsächlich. Nicht zu reden vom OB, der war kolossalisch beladen(im Vorbeigehen hatte er es geschen), Saß da wie ein sturmgebeugtes Rohr. Der Chef ſer hatte dessen Tür ge- õffnet und gleich wieder zugezogen) brüllte kolossalisch in den Fernsprecher hinein: Ich lasse den Stab vom General bis zum Leutnant an Ort und Stelle erschießen! IA und I C hatten sich in einem Zimmer eingeschlossen, und da gab es keinen Ein- laß. Beim Nachbar, dem Chef einer Nachrichten- und Aufklärungskompanie, hatte er sich erkundigt, ohne viel Worte höflicherweise, nur vermittels Zeichensprache und durch dieses angedeutete und bezeichnende kleine Fingerschnipsen in der Rich- tung zur Schläfe, begleitet von einem Frageblick zur Nachbarwand.Nein, die denken nicht daran! war ihm erwidert worden:Die sitzen bei der Henkersmahl- Zeit und im übrigen packen sie, und die Karte vom linken Wolgaufer und der Kir- gisensteppe haben sie sich bringen lassen!Und Sie, meine Herren, wollen Sie auch über die Wolga ? Der Chef der Nachrichten- und Aufklärungskompanie, und mit ihm der Kommandeur des Armeenachrichtenregiments befanden sich ebenfalls beim Packen ihrer Rucksäcke.Nein, Herr Oberst, wir wollen keine Umwege, wir Schlagen den direkten Weg nach Westen ein! hatten sie erwidert. Nun, diese beiden, in dieser Richtung würden sie jedenfalls auf kürzestem Wege in die Hölle gelangen. Der I A und I C aber, ja, wenn der I A der Armee ein Wolf und der I C der Armee ein Wolfsjunges wäre, dann hätten sie vielleicht einige Aussicht, auf dem Umweg durch das Kirgisenland nach Deutschland zu gelangen, so allerdings und mit einer Flasche Kognak und einem Rucksack voll Knäckebrot... mein Gott, vor zehn Tagen hatte er schon die fortschreitende Paralyse dieses Hauses konstatiert, daß es aber im einzelnen(und was heißt,im einzelnen, in den letzten fünf Minuten hat er eine ganze Anzahl solcher Fälle gezählt) zu derartigen Erscheinungen kommen könnte, das hatte er sich damals nicht denken können. Man befand sich ja hier

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