Haufen Kleider hatte er vor sich liegen, Mäntel, Feldblusen, lange Hosen, Reit- hosen, die ganze Ausstattung des Obersten Roske, der gestern noch Regiments- kommandeur und heute als des gefallenen Generals Hartmann Nachfolger der Kom- mandeur der nicht mehr vorhandenen Hartmannschen Infanteriedivision geworden und als solcher nach einem Funkspruch zum OKW und Antwortfunkspruch zum General befördert worden war. Den Kleidern dieses Hartmann-Nachfolgers wollte der Schneider in größter Eile die Oberstenrangabzeichen abtrennen und Schulter- stücke und Kragenabzeichen, goldene Knöpfe und rote Streifen an den Hosen auf- nähen. Der Oberst und eben beförderte General kam herein:„Mensch, packen Sie hier bloß ein. Es ist wohl egal, ob ich in Obersten- oder Generalsabzeichen ins Massengrab steige.“
Dieser frischbeförderte General, dem vom ersten Weltkrieg her der linke Arm gelähmt war und dem ganze Stücke fremden Fleisches eingesetzt waren, hatte als Wirt der Kaufhausruine und als Gastherr der„Armee “ alle Hände voll zu tun. Die Führung des kleinen Restes seiner Truppe, die auf den Zugangsstraßen zum Platz kämpfte, hatte er einem Major überlassen.
Der Kampfgruppenführer aus dem Gefängniskeller, Oberst Steinle, war durch den vorderen Teil der umerirdischen Gasse gekommen, vorbei an der Fernsprech- und Funkzentrale, am Zimmer des Nachrichtenführers, des Armeearztes, des Generals Roske, und er befand sich vor einem Vorhang, der das Ende des Ganges und die Kellerrãume der engeren Führungsstaffel von dem Hauptteil des Kellers abtrennte, als eine Tür aufging und in einer Woge von Lärm derjenige vor ihm stand, den zu treffen er unbedingt hatte vermeiden wollen, der Chef des Generalstabs der Armee.
„Und wo wollen Sie hin?“ wurde er angeredet.
„Ich muß unbedingt zum OB, Herr General!“
„Was müssen Sie unbedingt zum OB? Das gibt es nicht, das geht absolut nicht. Der Feldmarschall hat Schwere Sorgen, hat zu arbeiten, darf von niemand gestört werden.“ „Herr General, schwere Sorgen um die Armee sind es, die mich zu diesem Gang bestimmt haben!“
„Ich verbiete es Ihnen, ich verwehre Ihnen hier den Zutritt!“
Der Vorhang ging auf, ein Hauptmann kam heraus:„Verzeihung, Herr General, daß ich umerbreche, es ist dringend!“ wandte er sich an den Chef der Armee. Und nachdem beide einen Schritt zur Seite getreten waren:„Eine Meldung, Herr General, das Panzerkorps hat kapituliert!“
„Nachdem ich mit Damme gesprochen und nachdem Damme sein Wort gegeben hat? Unmöglich!“
„Die Meldung ist nicht von Damme, sie ist vom Kommandierenden General. Der Kommandeur des Panzerkorps ist wieder in sein Quartier zurückgekehrt, Herr General!“
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