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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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du habest uns hier liegen Sehen, wie das Gesetz es befahl.. So wird es auch einmal heißen: Kommst du nach Deutschland , so berichte, du habest uns in Stalingrad liegen schen, wie das Gesetz es befohlen hat..

Abstellen!

Abstellen!

Nekrolog!

Mein Gott, nun denken sie zu Hause, daß wir schon tot sind!

Hilfe!

Hilfe! Das war ein Schrei aus tiefer Not. Dieser hohe heulende Ton blieb in der Luft. Der Keller war wieder der Theaterkeller, der er gewesen war. Es wurde weiter- gestorben. Da war wieder die Welle der Schmerzen, die über allen und über allem zusammenbrach.

Wer hörte noch die Sätze:

Für den Soldaten ist es gleichgültig, ob er bei Stalingrad , bei Rshew , in Afrika , im eisigen Norden stirbt.. Meckerer wird es immer geben, die sich daran stoßen... Wenn der Soldat ausrückt, so rechnet er mit der Wahrscheinlichkeit, er komme nicht zurück. Und wenn er zurückkommt, hat er großen Dusel gehabt. Wer hörte noch die Sãtze:Es ist ja der Jude, der drüben führt. Man muß nur einmal den Juden in seinem alttestamentarischen Haß kennen. Wer hörte noch hin, wenn es hieß:Wer, frage ich denn, ist denn so gottverlassen, daß er nicht sehen will, wo wir heute stehen? Wer steht denn vom Nordkap bis nach Afrika und an der Wolga ?

Wer hörte noch die lahme Entschuldigung des Luftmarschalls:

Und warum, so denkt mancher Volksgenosse, warum vergelten wir das nicht? Vergeßt nicht, Volksgenossen, daß wir einen gewaltigen Kriegsschauplatz haben, und die Schwermacht der deutschen Luftwaffe kämpft im Süden, kämpft im Norden, kämpft im Osten...

Hier jedenfalls kãmpft sie nicht! Und die Bomben, die fallen, sind russische Bomben, und wahrscheinlich sind es nicht Greise und Kinder, die in den Bombern sitzen! Aber wer hörte noch zu; der eine, der andere hörte den einen und den andern Satz. Die Lautsprecherstimme des Reichsmarschalls geisterte da am Rande. Der Theater- keller war ein Keller ohne Versorgung, ohne Brot, ohne Hoffnung. Der Keller war abgeschrieben, ganz Stalingrad war abgeschrieben, das war es, was die fette Stimme aus Berlin deutlich machte. Und da brachte einer den Mund nicht mehr zu, und was er brüllte, war: Hilfe! Da saßen an den Wänden Zitterer. Da lag einer mit blauem Gesicht, Schaum auf den Lippen. Da lehnten an der Wand Männer mit võlligem Muskelschwund, andere waren nur noch Knochengerüste. Da gab es welche mit getrübter Sehkraft, welche mit völligem Taubsein. Da stapfte ein Trupp Feld- gendarme mit umgehängten Blechschildern durch die Reihen, und sie blickten Schwerkranken ins Gesicht und drehten abgekehrt daliegende Sterbende herum, um zu sehen, ob sie nicht simulierten; und sie suchten und fanden auch einige,

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