die sie auf die Füße stellten und mitnahmen?ur Auffüllung einer Truppe. Und über allem stand die eine besinnungslose berstende Stimme. Ein Mann schrie die Seele aus sich heraus, und es war der Hilfeschrei des ganzen Kellers.
Pfarrer Kalser faltete die Hände und mit geschlossenen Augen und ohne seine Lippen zu bewegen, betete er:„Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub... Pastor Koog nahm wieder einen hingekritzelten letzten Gruß emgegen. So viele Zettel hatte er bereits, und seine Tasche war angefüllt mit Erinnerungsstücken. Wo wird er sie niederlegen, die Hälften der Erkennungsmarken, die Photographien, die Armbanduhren, die Trauringe, die Zettel mit hingekritzelten Worten der letzten Stunde? Kaum in die Hand der Frau, kaum in die Hand der Mutter, kaum in die des alten Vaters. Wenn es denn So sein soll, wird er Uhren und Ringe und Grüße vor den Thron Gottes hinlegen. Wenn dieser Thron aber.. schwindelnder Ge- danke, wohin dann, in welches Ohr die letzten Seufzer, und wenn nicht DU, wer dann, und wer hätte uns in Stalingrad liegen sehen, und wer sollte offenbar machen, daß es nicht DEIN Gesetz war, das es befahl!
Viktor Huth lehnte noch immer an der Wand. Auch er dachte an Geset? und Geset?- losigkeit. Das Maßlose mußte in Zerstreuung enden. Der Zug an die Wolga (und er war doch viel weiter, war doch bis an den Ganges, war doch ins Endlose gedacht) mußte wohl in so einen Theaterkeller münden. Um sich her und alle diese Tage Schon Lachkrämpfe, Weinkrämpfe, in den Ohren die gellenden Töne des vom Schreikrampf Geschüttelten, ruhte sein Blick wieder anf dem jungen Zahlmeister- anwärter, der ihm gegenübersaß mit hohlen Augen und starrem Gesicht, und an dem Sonst nichts zu bemerken war als dieses fortwãhrende Spreizen und wieder Zusammen- legen der Finger. Die Welt spiegelt sich im Wassertropfen, und der nicht aus innerer Notwendigkeit, also in Gesetzlosigkeit unternommene Zug nach Osten widergespiegelt in einer atheosen Muskelbewegung der Hand eines Zahlmeisteranwärters. plõtzlich war im Heulen, im Röcheln und Fauchen des Todes noch ein anderes da, das dumpfe Geräusch der sehr nahen Katastrophe. Ein Artillerieeinschlag in nächster Nähe, der das massive Gewölbe erzittern und aufdrõhnen ließ. Beim näch- Sten Artillerieeinschlag, und als der RKeller den Atem anhielt, stand Huth auf den Füßen. Die Operation an Hauptmann Tomas führte er noch durch, es war seine letzte. Dann lief er, ohne Mantel, ohne Mütze davon, eilte die Treppen hoch, auf die Straße und an den Sandsäcken und der Barrikade vorbei, auf den von Schein- werfern überflammten Platz. Die Posten an der 10,5cm-Haubitze, auch die Feld- gendarme im Haustor der Kaufhausruine standen beisammen und waren von anderem So abgelenkt, daß er den Durchgang unbehelligt passieren konnte und vor die Tür gelangte, die zum Oberbefehlshaber der Armee führte.
Der Keller, der hinter ihm geblieben war, drõhnte jetzt in Abständen von Minuten von naheliegenden Artillerieeinschlägen, und das war von nun an der Rhythmus, in dem die Verwundeten im Theaterkeller atmeten.
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