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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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in den grauenden Tag hinein hätten wandern müssen, ehe sie sich wieder dem Ufer und der Westrichtung zuwenden dürften; sie folgten jedoch Schweigend den Fuß- stapfen ihres Anführers. Sie erreichten die Uferbank, stiegen an das Land und stiegen dann die Uferböschung hoch. Im Schnee schwarze Brandstellen und Stümpfe ver- kohlter Holzhütten, dann eine Reihe leerer Häuser, und in den leeren Häusern das Schlagen im Wind auf- und zugehender Türen, und hinein in dieses nicht auf hõrende und gespenstische Spielen herrenloser Türen hallten Gewehrschüsse.

Was war mit dem Oberstleutnant los?

Schon auf der Flußmitte und unter dem Licht der Leuchtraketen war es vorgekommen, daß er sich nicht hingeworfen hatte, Sondern in ragender Einsamkeit weitergeschritten war. Beim Betreten des Ufers war ihm nicht anzumerken gewesen, daß er fürchtete, den Fuß auf eine S-Mine oder T-Mine des ausliegenden Minengürtels zu setꝰen, und auch jetzt schritt er aus ohne nach rechts oder links zu Spãhen und sich zu sichern. Wo befanden sie sich eigemlich?

Noch in Zariza-Süd oder schon in Jelschanka- sie wußten es nicht! Aber sie waren wieder in einen Kampfbereich hineingeraten. Ein Salvengeschütz streute seine Ge- Schosse. Major, Intendant, Hauptmann, Leutnant warfen sich an den Boden. Der Oberstleutnant schritt kerzengerade weiter. Und erst jetzt, die Gesichter an den Schnee gepreßt, ermüdet von der Wanderung übers Bis, betäubt vom Fauchen krepierender Geschosse, und aufblickend den Oberstleutnant im Schein des Salven- geschützes wie eine hohe, Zerzauste Vogelscheuche vor Augen, jetzt erst begriffen sie: der will ja gar nicht ausbrechen, der will ja was anderes!

Und da war das andere schon!

Das Bild von der zerzausten und vom Wind bewegten Kleiderpuppe war nicht von ungefähr. Der Oberstleutnant hob beide Arme, hielt sie, die eine Hand rechts, die andere links, in der Schwebe, so verharrte er, solange ein blinzelndes Augenlid braucht, um zu- und wieder aufzugehen. Er taumelte, schlug rücklings um und lag in ganzer Länge im Schnee. Die anderen blieben im Abstand liegen und vernahmen sein Stöh- nen. Dann war es an dem Dienstältesten, an dem Major, näher heranzukriechen. Der grobe Splitter eines Salvengeschosses hatte dem Oberstleutnant das halbe Ge- sicht abgerissen.

Herr Oberstleutnant...

Stöhnen.

Herr Oberstleutnant, kann ich noch etwas für Herrn Oberstleutnant tun? Jawohl, was wir vorher ausgemacht haben!

Vorher ausgemacht war, daß derjerige, der unterwegs verwundet werden würde, von den andern den Gnadenschuß erhalten sollte. Der Major wußte nicht, daß er aus tiefer Besinnungslosigkeit heraus lauter stõhnte als der Verwundete, er zog seinen Dienstrevolver.

Herr Oberstleutnant , darf ich noch eine Frage stellen, glauben Herr Oberstleutnant nun, daß Herr Oberstleutnant in den Himmel kommen?

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