man möchte nach dem Krieg alles schnell wieder vergessen“, sagte der Soldat. „Aber das geht nicht, nein, das geht nicht. Man muß sich wohl damit auseinander- Setzen, Herr Oberstabsarzt!“—„Ja, das muß man wohl, da wird nichts anderes übrigbleiben!“
Oberstabsarzt Simmering ging wieder nach vorn und setzte sich wieder an die Spitze des Zuges. Und gerade dieser, dachte er, der sich mit den Dingen auseinandersetzt, gerade so einer trägt den Kopf noch aufrecht und sieht noch ein Stück Zukunft vor sich, während andere zusammenfallen wie Asche. Die Ursache für den rapid um sich greifenden seelischen Verfall ist offensichtlich nicht nur Mangel an Fett, da mangelt es noch an anderem.
Der Zug war jetzt in das Stadtgebiet eingetaucht. Es ging mitten durch Häuser, ging über Höfe und über Schuttflächen. Die Straßen mußten vermieden werden. Viele Straßen lagen unter feindlichem Feuer. So hell der Himmel draußen auch gewesen war, hier zwischen den Ruinen und in den Straßenschluchten hing von der Wolga aufflammender Punst. In der Luft war Qualm und Brandgeruch. Man wußte nicht genau, wo geschossen wurde— vorn und hinten und anscheinend von allen Seiten. Ein Graben bot einige Deckung. Als der Weg aus dem Graben wieder an- stieg, hatte Oberstabsarzt Simmering das Gebäude der Ortskommandantur vor sich. Es war ein großes Haus mit drei nach hinten verlaufenden Flügeln, und wenn auch keine Fenster mehr und nur weit aufgebrochene Fensterhöhlen zu sehen waren, so wat es doch eine der am wenigsten beschädigten Hausruinen Stalingrads.
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Der sich ebenfalls auf dem Wege zur Ortskommandantur befindliche Kleine Leut- nant Lawkow hatte, anders als der große Verwundetenzug, der sich in einem Bogen von Süden her genähert hatte, in direkter Linie von Westen her den Stadtrand er- reicht. Zweitausend Meter— das waren Häuserstümpfe, Schuttplätze, wie Schiffs- masten aufragende Schornsteine, aufsprit?endes Feuer aus russischen Granatwerfern und(dem Abschuß nach zu urteilen) das Feuer deutscher Flakgeschütze — trennten ihn von dem großen grauen Gebäude, trennten ihn von ärztlicher Betreuung und von einer Pferdesuppe, die er dort zu erhalten hoffte.
Es sieht verdammt mulmig aus. Aber da muß man eben durch.„Und jede Kugel trifft ja nicht!“ heißt es. Und der Mensch ist so ein Kleines Staubkörnchen, daß gar nicht genug Pulver und Fisen da ist, um jeden zudecken zu können. Den einen trifft es, und der andere geht weiter. Das hatte Lawkow auf dem Wege vom Tulewoj- graben her aufs neue erfahren. Er lag im Schmee und„peilte die Lage“; er wollte feststellen, um welches Objekt es bei der Schießerei eigentlich ging, um dement- sprechend seinen eigenen Weg von vornherein bestimmen?u können. Ja, daß der Mensch nur Dreck ist und daß er gar nichts von vornherein bestimmen und daß er sich nur auf sein Glück verlassen kann, das hatte er auf diesem Wege wieder einmal erlebt. Aus dem Tulewojgraben war er abgerückt, mit Abtransport war
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