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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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nicht zu rechnen, also zu Fuß. Spätestens in Gumrak, das doch ein einziges Laza- rett war, mußte er ärztliche Hilfe haben, so hatte er gerechnet. Fin einziges großes Lazarett war es, das war richtig. Aber das hatte er sich nur von außen, nur über die Schultern der anderen weg, die das Stationsgebäude umdrängten, betrachten können. Und alles, was er erreicht hatte, war, daß er die Nase platt an die Fensterscheibe drücken und einen Blick ins Innere werfen konnte, wo die Kerle sieben- oder acht- stöckig übereinander lagen, wo es aber immerhin einen Ofen gab und wo sie sich jedenfalls nicht die Knochen abfroren. Aber was war zu machen? Der zermanschte Arm schmerzte bis zum Hals hoch. Hals und Kopf waren ihm schon aufgetrieben, so schien es, von dem Feuer, das aus dem Arm hochzog. Was war zu machen, welche List anzuwenden, um in dieses wunderbare Lazarett hineinzugelangen, solange noch Zeit war und der Arzt noch etwas machen konnte? Die russische Ari und der Run nach Osten, der plõtzlich einsetzte, hatten ihm jedes weitere Kopfzerbrechen erspart. Er war ebenfalls gerannt, das heißt gestolpert, Richtung Gorodischtsche, und nicht der Arm, den spürte er überhaupt nicht mehr, der Hals und der Kopf waren jetzt das ungeheure Gewicht, das er zu schleppen hatte. Und in Gorodischtsche hatte sich dann alles ganz einfach gemacht. Da war die Straße, und da rollten Flak- geschütze, da rollten LKWs, da rollten auch LKWs mit Offizierskoffern(und mein Gott, ich habe doch meinen Koffer schon bei den Kasatschihügeln weggeschmissen 1), und auf keinem verfluchten LKW war ein Platz zu haben, und da marschierten in Haufen, mit Waffen und auch ohne Waffen, die Männer, und da stand plõtzlich am Straßenrand der General und schob die Unterlippe vor, wackelte dann und wann mit dem Kopf und betrachtete trübsinnig den vorbeitreibenden Jahrmarkt. Und das war unser General, der Kommandeur der 113. Infanteriedivision.Nanu, was ist denn mit Ihnen los, Lawkowde sagte er.Jawohl, Herr General, da haben sie mir dieses Ding verpaßt!Schon ärztliche Behandlung gehabt?Nein, Herr General. Ich suche schon seit Tulewoj einen HV-Platz!Nun, dann gehen Sie mal da rein, in diesen Bunker, und melden Sie sich bei unserem Divi- Sionsarzt!

Jawohl, Herr General! Aber darf ich eine Frage stellen: können Herr General mir sagen, was nun werden soll? Aber da winkte der General mit der Hand ab und versank wieder in stumpfsinnige Betrachtung einer vorbeikeuchenden hochbeladenen Badewanne und betrachtete wieder die vorbeiziehenden humpelnden Männer und den ganzen Heckmeck dieses vorbeitreibenden napoleonischen Rückhuges. Das war Gorodischtsche, und wenn der Arm nachher auch ganz weg war, so war ihm nach- her doch leichter, und ein anständiger Verband war rumgewickelt, und der Kopf war freier geworden, und es war nicht mehr so ein riesiger Ballon, den man auf den Schultern trug. Die näãchste Etappe:Tatarenwall und russische Panzer. Die Panzer walzten über ein Bataillon weg. Das Stäubchen Lawkow stand schon auf dem Wall, stieg auf die andere Seite hinunter, wanderte über den Flugplatz, als wäre es ein friedliches Skigelände, erhielt bei dem Kommandeur einer Artillerieabteilung ein

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