führer aber stieg die ausgetretenen Stufen hinauf, gelangte ins Freie. Der Himmel über der Stadtmitte war rot von Brãnden, dort blickte er nicht hin. Uber dem„Platz der Gefallenen“ war Propellergeheul, auch das hörte er nicht, das ging ihn nichts mehr an. Er hielt die Nase starr in die Schneeluft, blickte nicht nach rechts und nicht nach links und griff in die Pistolentasche. Ein Schuß hallte durch die Nacht, und der Kolonnenführer brach zusammen. Nicht weit von der Stelle lag auch der Leichnam eines Hauptmanns der Flakartillerie, und da lag auch der eines Stabs- apothekers. Schnee legte sich auf das Schuttfeld und setzte sich auf den Gestalten der Hingestreckten ab.
Nicht weit ab vom Theaterkeller befand sich der von den höchsten Stalingrader Hãuserruinen umgebene„Plat? der Gefallenen“. Auch hier lagen Verwundete, auch Soldaten von Artillerie- und Pamerregimemtern, auch Regimentsstäbe mit Feld- küchen, Küchenunteroffzieren und Hauptfeldwebeln. Hier befand sich auch die Ruine des großen Stalingrader Kauf hauses mit dem Gefechtsstand der 71. Infanterie- division, wo der Oberbefehlshaber der Armee mit seinem Stab eingekehrt war. Die Zugänge zum Platz sperrten Barrikaden — Sandsäcke, Laternenpfähle, Balkon- gitter, Maschinemteile, T-Träger, Zerschlagene Panzer, eiserne Treppengelãnder, umsponnen von Stacheldraht. Im Stacheldraht hingen erstarrte Leichname, weit geõffnete Arme und an die Drahtstacheln geheftete Hände. Am unteren Ende des langgestreckten Plates lag ein abgestürztes deutsches Flugzeug, daneben war ein PKW aufgefahren mit aufmontierten starken Scheinwerfern, und die von der wilden Zäsur der zerrissenen Häuser umgebene Flãche des Platzes gleißte in kreidigweißem Licht. Es war die Stunde des Propellergeheuls oben in den Lüften und die Stunde des Kommandeurs der Absperrtruppe, der Seine Leute, sie trugen Karabiner oder MPs, um den Platz herum patrouillieren ließ oder hinter irgendwelchen Mauer- resten verborgen hielt.
Da war das Propellergeheul, aus den Höhen der Nacht stieß ein Flug?eug nieder, warf Seine Ladung ab und zog in jähem Winkel wieder nach oben. Und wieder das Brummen einer Maschine, man hörte es pald nah und bald fern. Ein Flug?eug um- kreiste den Platz und wieder ein Abwurf. Die Ladungen kamen nicht an Fallschirmen herab; gleich Steinwürfen prasselten Fleischkonserven, Schoka-Kola, Hartwürste, Schinken, Brote auf den Platz nieder; und nicht alles fiel auf den Platz, auch in die Nachbarschaft, auf die Straßen und Gänge zwischen den Hausruinen gelangte manches.
Und da war der Soldat— und wer wird ihm die Hãlfte der Erkennungsmarke ab- brechen, das Soldbuch aus der Brusttasche zichen, wen wird es kümmern, ob im Soldbuch steht: Franz Liebich, Schuhgröße 42, Beruf Schreiber, geboren Masser- berg in Thüringen , verheiratet, zwei Kinder; und wer wird einmal die Rubrik der Stammrolle ausfüllen: gefallen am„ beerdigt in... oder wer wird dort einmal nachlesen: Mitgemachte Gefechte: 1. 9. 39 bis§. 9. 39 Schlacht in Westpreußen ,
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