Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
226
Einzelbild herunterladen

Wie ist es mit Kaffee, Wachtmeister?

Werde mich sofort darum kümmern, Herr Major!

Dieses Zurücktreiben ein allgemeiner Run auf die Stadt. LKWs, Kübelwagen, Zugmaschinen, Soldaten, Generale, Gespenster. Dazwischen Lichtgestrüppe aus Salvengeschützen. Blech, Fisengespinste, ragendes Gemäuer der Stalingrader Stadtrand taghell herüberleuchtend im Raketenlicht und darüber der tintenschwarze Himmel. Eine Truppe aus Süden treibt nach Morden, eine Truppe aus Norden nach Süden. So geht es kreuz und quer durch die Kolonnen auf dem Bahndamm und neben dem Bahndamm her.

Fin tolles Durcheinander und sodicke, wie es nicht auszudenken war. Was aber in der Tat geschehen war, darüber konnte Holmers sich annãhernd ein Bild machen, nachdem er mit einem Infanteriehauptmann und mit noch anderen Offkieren des Abschnittes gesprochen hatte. Der größte Teil der Hõhe 107, Höhe 102, die Arbeiter- siedlung(jeder dieser Orte hatte einmal Ströme deutschen Blutes getrunken), der Flugplatz befanden sich in den Händen der Russen. Die Fliegerschule mit General Geest und Trümmern von Divisionen nach Mitte abgespalten. Der Angriff brandete zur Stunde gegen den westlichen Stadtrand und an der Fliegerschule vorbei gegen Stalingrad-Mitte, wo er sich in das Weichbild der Stadt einkeilte.

Der Wachtmeister kehrte zurück. Das Frühstück war mäßig. Wasser zum Waschen gab es nicht. Es war kein Holz da, um den Schnee auftauen zu können. Außerdem war Holmers als Artilleriekommandeur ohne Artillerie arbeitslos, ebenso wie eine Reihe anderer Offiziere und wie die Masse der nach Stalingrad geschwemmten Stäbe.

Holmers erhielt indessen eine Aufgabe, keine Kampfaufgabe: es war ein Sonder- auftrag seitens der Division und betraf das Durchkämmen der Ruinen und Keller des Stadtviertels nach noch kampffähigen Männern. An diesem Tage waren es die Weißen Häuser, die er durchsuchen sollte. Zusammen mit seinem Wachtmeister und Seinem Abteilungsschreiber machte er sich auf den Weg.

Der Weg war ein Trampelpfad und führte über Höfe und quer durch Häuser. Die Häuser waren ausgebrannte Steinskelette, ohne Fenster, ohne Türen, ohne Fuß- boden- und Balkenlagen. Wenn man von unten nach oben blickte, Sah man durch vier und fünf᷑ Etagen hindurch den nackten Himmel, und Schnee stäubte herunter. Alles Schutt!

Unvorstellbar, wieviel Eisen da hineingefegt ist!

Und wie soll es denn nun weitergehen, Herr Major? fragte der Schreiber. Menschenskind, wie kann ich das wissen! Da siehst du, da ist der Strich, über den gelangen wir nicht hinaus!

Durch einen weit aufklaffenden Mauerriß und über abschüssiges Gelände hinweg hatten sie einen plötzlichen Ausblick auf den gefrorenen grauen Wolgastrom. Die drei blieben in Gedanken stehen.

Zwischen hier und diesem Strich also...

226