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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
227
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Ja, da muß es sich entscheiden!

Und zu denken, daß es 2000 Kilometer von der Heimat entfernt sein muß! Der Weg führte weiter über Schuttfelder. Ganze Straßenzeilen glichen ausgedehnten Steinbrüchen, und zwischen den Steinbrocken waren Leichen hingekegelt. Als die drei aus einem der Straßenlabyrinthe ins Freie herauskamen, hatten sie eine Reihe hoher Ruinen vor sich. Diese einmal hellen, hohen Häuser, jetzt von Sprengbomben ausgehöhlt und ausgebrannt, waren dieWeißen Häuser.

Die Höfe und Keller waren bewohmt. In den Kellergeschossen, hinter den mit Sandsãcken verstopften Fensterhöhlen saßen Stäbe, Reste von Korpsstãben, Nach- Schubführer, Verpflegungsbeamte. Andere Kellereien dieses Gebäudekomplexes waren von Versprengten, von Fahrern und Beifahrern irgendwo stehengebliebener Fahrzeuge, von Kranken, von Hufbeschlagpersonal, von den Resten aufgelöster Veterinãrkompanien bevõlkert. Die Zugänge zu den Kellern waren verbarrikadiert. Pflastersteine, Ladenschilder⸗ Risenbettstellen, Laternenpfähle, Gerümpel sperrten den Zugang nicht nur russischen Angreifern, auch Neuankommenden, auch lästigen Offiiersstreifen. Holmers hatte sich sagen lassen müssen, wo die Keller- bewohner dieses Hausblocks aus- und einschwärmen, das war nötig gewesen. Und sie mußten sich bücken, und nur in kriechender Haltung gelangten sie in ein Keller- loch und zuerst auf einen langen Gang. Anderthalb Meter war der Gang breit, und schon hier war an der Wand rechts und auch an der Wand links ein graues Gesicht neben dem anderen. Und aus den glimmenden Feuerbüchsen schlug ihnen Stinkender Qualm entgegen. Zwischen Mann und Mann oder allenfalls in einer Lücke nach jedem zweiten Mann war eine dieser Konservenbüchsen aufgestellt, in denen irgendwelches aufgelesene Zeug brannte. Holmers und der Wachtmeister und der Schreiber konnten sich(obwohl der Raum hoch genug gewesen wäre) des Rau- ches wegen nur gebückt bewegen, und eigemlich hãtten sie kriechen müssen. In die Sich anschließenden hinteren Höhlen und Ecken vermochten sie überhaupt nicht zu gelangen. Sie stolperten über ausgestreckte Füße. Gleich beim Hereinkommen, als Sie das von der Straße einfallende schwache Licht verstellten, wurde ihnen zugerufen:Draußen pleiben! Hier ist alles besetzt! Und so ging es weiter:Ver- Schwinde! Was suchst du hier? Paß doch auf, tritt mir nicht auf die Knochen! Holmers, schlecht gefrühstückt, ungewaschen, aus Seiner bisherigen Ordnung plõtz- lich in diesen Abgrund geschleudert, pefand Sich in der gehörigen Verfassung, um dazwischenzufahren und derartige Anrempelungen und Disziplinlosigkeiten ener- gisch zurückzuweisen, doch in dieser Höhle verging ihm die Lust dazu. Er stieß Seinen Wachtmeister an es hãtte keinen Sinn, diese Lemuren anzufahren. Wichtig war nur, die Sache hier so Schnell wie möglich abzutun und so schnell wie möglich aus dieser Pesthöhle wieder herauszukommen.

Alle mal herhören! rief Holmers.Für diejenigen, die kampffähig sind, steht drüben auf dem Hof eine Feldküche. Port werden Kaffee und Brot ausgegeben, und jeder erhält Marschverpflegung.

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