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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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wuchs und sich von der Decke in dicken Ballen ablõste und niederfiel, und auf den verdeckten Figuren und auf den Gesichtern liegenblieb, war die lange Stille gekom- men. Das Ofenloch war schwarz geblieben, es war keine Hand mehr gewesen, die hätte Holz hineinstecken können, und es war kein Husten mehr, kein Schreien nach einer Hedwig, kein Zähneklappern, kein Stöhnen, kein Flüstern. Daußig hatte eine Kugel im Leib und der Fiterherd in seiner Bauchhöhle heizte seinen Körper und bewahrte ihn vor schnellem Erstarren. Die Stille dauerte lange, und wieder war etwas zu hören, dieses Mal außerhalb des Waggons, die Einschläge von 12,7 cm- Geschossen, in den Ohren Daußigs war es nur schwaches Knistern. Ein Splitter, der ein Loch in die Waggonwand riß, ließ das Tageslicht in die Grotte mit den ruhen- den Schneegestalten einfallen. Die Waggontür wurde aufgeschoben, die auftaumelnde Gestalt war kein Obergefreiter Daußig, auch kein Musiker Daußig mehr, war nur noch ein Gespenst. Das fiel einem Rotarmisten in die Arme, wurde in einen Schlitten gelegt und nach hinten abgefahren. In einem Bunker, in dem ein rotglühender Ofen Hitze ausspie, taute das gefrorene Blut am Mantel Paußigs. Er hielt ein Stück Brot in der Hand und schlürfte heißen Tee. Eine Sonde fuhr ihm in den Leib und holte eine MP-Kugel heraus. Aus der angesetzten Kanüle floß Eiter ab in dickem Strahl. Als Paußig später aus einer Ohnmacht und aus der Finsternis erwachte, blickte er wie durch einen schmalen Spalt in Licht, und dieser Spalt konnte weiter aufgehen, und so ihm Kraft genug geblieben war, konnte es wieder hell um ihn her werden. Es handelte sich aber nicht nur um Daußig, und nicht nur um die drei und noch einmal fünf Waggons auf der Station Woroponowo, auch in Basargino und im Norden neben dem Feldlazarett Gumrak standen Gleis neben Gleis Reihen solcher Züge.

Hãuserruinen voll verlassener Verwundeter waren in Krawzow und Pestschanka zurückgeblieben, und solcher Verwundetenhöhlen gab es in Woroponowo, Jeschowka, Gumrak, Stalingradski, Gorodischtsche, an allen Fluchtstraßen nach Stalingrad . Der Soldat Stüwe wollte im Hauptverbandplatz auf der Straße WoroponowoJeschowka aufgenommen werden. Er wurde abgewiesen; es war dort Platz für sechzig Mann, und es lagen da bereits vierhundertfünfzig Mann. Um einen Verband zu erhalten, mußte er ein Stück seines Mantelfutters heraustrennen. Ein Sanitäter ließ ihn einen Blick in den Krankenraum tun. Schwerverwundete lagen dort am blanken Boden. Zugedeckt waren sie mit ihten Mänteln. Gesichter wie aus Lehm. Sie lagen eng nebeneinander. Wenn einer sich rührte, ging die Bewegung und das Stöhnen durch die ganze Reihe. Die Kragen der Feldblusen waren wie von Rauhreif überzogen, das waren Läuse, die sich an den Nähten auf und ab bewegten. Stüwe erkundigte sich nach der Verpflegung.Halbe Portion Pferdefleisch! erwiderte der Sanitäter. Er selbst erhielt eine Scheibe Knäckebrot auf den Weg und wurde zur nächsten Sanitãtsstelle geschickt. Stüwe wanderte weiter, und er war nur einer von Tausenden noch gehfähiger Verwundeten, die sich so auf der endlosen Wanderschaft befanden.

Bunker voll Verhungernder zogen sich in der Zarizaschlucht bis Stalingrad . Solche Bunker gab es auch im Tulewojgraben, und sie zogen sich am Tatarenwall entlang,

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