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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Seite kann ein Mensch umfallen und rührt sich nicht mehr, das ging nicht in seinen Kopf᷑ hinein; solche Möglichkeit war nicht vorgesehen! Er vergaß Stahlhelm, Leder- zeug, die Pistole an seiner Seite, Seine ganze kriegerische Aufmachung. Er hob den Arm Kulickes, ließ den Arm wieder fallen. Er war ratlos, preßte die Hände zu- sammen, seine Augen wurden weit.

Herrgott, ist er tot... ist er tot?

Ja, er ist tot, ist mausetot! wurde ihm zugerufen.

Ist tot Kopfschuß! Rührt sich nicht mehr!- Ist hin! Ist tot wie eine Ratze!1 Ein ganzer Chor von Stimmen. Meugierige Augen. Grinsende Gesichter. Fell legte sich die Hand auf den Mund, um nicht herausprusten zu müssen. Die andern taten sich keinen Zwang an. Fell, Altenhuden, Liebsch, Gimpf, Gnotke umstanden den Zahlmeister.

Eine Stunde Spãter Saßen Stabszahlmeister Zabel, der Oberfeldwebel und ein Ober- veterinär in einem PKW. Der Wagen rollte zum Hoftor hinaus, keine Stunde zu früh. Es waren jetzt nicht nur verirrte Gewehrkugeln, sondern es war gezieltes Granatwerferfeuer, welches auf das Gehöft niederging, und der Wagen war noch nicht auf der Straße zur Zarizaschlucht eingebogen, als Flammen aus den Gebäuden ausbrachen. Und nicht nur dieses Gehöft und die benachbarten Hütten und Ruinen und die Station Woroponowo waren Ziele des sowjetischen Angriffes. Der Angriff umfaßte die gesamte Front, und kein einzelner Punkt, auf den das Feuer sich kon- zentrierte, war lange zu halten.

Die Stunde des Zusammenbruches war gekommen.

PDas Sterben dauerte schon zweiundsechzig Tage lang. Es blieb noch ein Rest, der war nach dem Kalender nicht mehr zu berechnen, nur nach Waggons voll gefrorenen Menschenfleisches, nach Häuserruinen voll zurückgelassener Verwundeter, nach Bunkern voll Verhungernder, nach Kellerlöchern voll blutender Stümpfe; der noch bleibende Rest war Schneesturm, war Tagesdämmern hinter den blinden Scherben einer Fensterscheibe, war ein zitterndes Hindenburglicht in einer Versammlung von Sterbenden, war eine von Lichterbäumen der Salvengeschütze durchflackerte Nacht, war die Salve der Hinrichtungspelotone, war Lallen von Irrsinnigen, war das grüne Flackern des Weltuntergangs, und es war auch ein Sonnenstrahl auf einer verschneiten Straße, und die Straße war zementiert mit den von Panzern glatt- gewalzten und von Fis überkrusteten Armen und Händen und Gesichtern gestürzter deutscher Soldaten.

Waggons voll gefrorenen Menschenfleisches standen auf der Station Woroponowo, drei Waggons auf einem und fünf auf einem andern Gleis. In einem dieser Waggons lag der zweiunddreißigjährige Musiker Hans Daußig. Der hatte alles gehört, was in diesem und auch in den andern auf Rädern stehenden Gehäusen des Todes zu hören war das Rasseln aus verschleimten Luftwegen, das Fiepen aus zerstörten Lungen, das Jammern nach einem Stück Brot, nach einem Trunk Wasser, das Auf- heulen des Deliriums, das Toben der Sterbenden. Mit dem Reif, der an den Wãnden

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