Mantel war von Schnee und Wind und auf Wachen und in Gefechten zerschlissen, die Füße und der Kopf waren mit Lumpen umwickelt, nichts an dem hohlen, vom verwilderten Bart umwucherten Gesicht mit den geweiteten glänzenden Augen er- innerte an den zivilen Beruf des Mannes, an einen Bürotisch und ein Schalterfenster, und nichts erinnerte an eine Wohnung mit einer Lampe auf dem Tisch, mit einem Sofa, mit Bildern an den Wänden, wie er sie einmal hinter sich gelassen hatte. „So gern hätte ich noch die nächste Brotausgabe abgewartet... Aber sagen Sie, Herr Pfarrer, kommt man nun gleich in den Himmel, oder gibt es erst so eine Art Ubergangsstadium, wo es wieder nichts zu essen gibt?“ hörte Koog den Mann sagen. Pfarter Koog war hilflos und fand keine Worte, keinen Trost, der hier gar nicht erwartet wurde; er stammelte irgend etwas, ob er der Frau zu Hause und den Kindern vielleicht etwas ausrichten solle?
„Meine Frau heißt Ilse, und die Kinder heißen auch Ilse, ja und Gustl'“, sagte der Mann und knöpfte seinen Mantel auf und z0g ein Päckchen zerlesener Briefe her- vor:„Da, schicken Sie das zurück, und schreiben Sie ihr bitte. Schreiben Sie, daß ich sowieso bald draufgegangen wäre. Ich bin bloß noch Haut und Knochen, ich wiege noch etwa vierzig Kilo...
Der Kriegsgerichtsrat wurde schon ungeduldig; er trat einen Schritt näher und hob das Blatt Papier mit dem Urteil, das er in den Händen hielt, an die Augen. Rauch zog wie schwarzer Morast über die Schlucht weg. Es war gespenstisch und war wie das Tun von Marionetten. Der Kriegsgerichtsrat faltete das Blatt Papier wieder zusammen. Drei Soldaten— auch ihre Mäntel waren zerschlissen, auch ihre Gesichter waren grau, auch ihre Augen waren geweitet und glänzten vor Hunger— legten die Gewehte an, aus den Gewehrmündungen puffte feiner blauer Rauch, zu hören war nichts, nur das Grollen der Front und das Aufbrüllen der in der Schlacht stehenden Geschütze. Die Soldaten hängten ihre Gewehre wieder über die Schulter, geführt von dem Unteroffizier, stapften sie davon. Im Schnee blieb ein Leichnam zurück, dem Pfarrer Koog die Augen zudrückte, und der niemand mehr interessierte und zu dem auch niemand mehr hinblickte.
Pastor Koog stand danach wieder vor seinem Divisionskommandeur, an der Schulter den gepackten Rucksack und die übergehängte Schlafdecke:„Ich bitte, mich zur Kampfgruppe Steinle abzukommandieren!“
„Wenn Sie durchaus in den dicksten Dreck reinwollen, ich will Ihnen den Weg nicht verlegen, Koog!“ erwiderte Damme.
Das alles geschah, während die russische Artillerie Tausende Tonnen glühendes Metall in den Kessel schickte und an der ganzen Front Feuerzungen aufleckten. Menschen wurden zerschmettert, wurden gebraten, erstickt, in Stücke gerissen, wurden verschüttet, wurden vierzig Meter hoch in die Luft geschleudert, Haus- ruinen stürzten ein, die Erde brodelte. Funksprüche wurden diktiert und gesendet. Aus Bunkern voller Sterbender wurden neue Bataillone rekrutiert. Eine Blockflõte
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